In den letzten Jahren ist der Anteil an Familien im MCO erheblich angestiegen – und damit stellen sich dem Orchester ganz neue Fragen. Für MCO-Musiker mit Kindern wurden Sonderregelungen eingeführt, die ihnen Erleichterung in finanzieller und organisatorischer Hinsicht bringen sollen.
»Als das MCO gegründet wurde, war es mit das Wichtigste in meinem Leben«, so Paulien Holthuis, Gründungsmitglied des MCO und mittlerweile Mutter der dreijährigen Tamar, »heute ist natürlich meine Familie am wichtigsten, aber ich bin glücklich, beides genießen zu können: Familienleben und MCO, das nach wie vor ein besonderer Schatz in meinem Leben ist.« Michiel Commandeur, ebenfalls seit der Gründung dabei, ergänzt: »Ich lebte früher viel sorgloser, erst mit der Familie ist ein gewisses Bedürfnis nach Sicherheit entstanden.« Michiel hat schon zwei Kinder, den vierjährigen Stan und die knapp zweijährige Suse. Für beide Musiker hat sich das Leben beim MCO erheblich verändert, die Kombination von Familie und Orchester erfordert ein hohes Maß an organisatorischen Fähigkeiten und Flexibilität. Egal, ob die Familie zu einer Tour mitreist oder zu Hause bleibt: die Projektphase muss von A bis Z lückenlos organisiert werden. Ein MCO-Musiker mit Kind muss sich frühzeitig für ein Projekt entscheiden können und sich überlegen, ob es sinnvoll ist die Familie mitzubringen oder nicht. Dazu muss er rechtzeitig wissen, ob vor Ort Appartements oder ausreichend große Hotelzimmer zur Verfügung stehen, wie der genaue Probenplan aussieht, ob Orchesterversammlungen angesetzt sind und ob auch andere Musiker ihre Familien mitbringen.
»Paulien und ich planen viel zusammen und versuchen, nah beieinander zu wohnen, dann können wir Spielzeug tauschen und uns beim Babysitting abwechseln.« Katarzyna Wozniakowska nimmt ihren knapp dreijährigen Sohn Bruno und ihren Mann Filip mit, wann immer es geht. Sie spielt wie Paulien und Michiel in der Gruppe der Zweiten Geigen und bestätigt, wie sehr die Entscheidung für oder gegen die Teilnahme an einem Projekt von diesen Kriterien abhängt – und davon, ob der Partner entsprechend flexibel reagieren kann. Die Väter von Tamar und Bruno arbeiten freiberuflich oder haben sehr flexible Arbeitsbedingungen, so dass sie Frau und Kind oft begleiten können.
Auf Tour unterscheidet sich der Tagesablauf der Familien sehr von dem der kinderlosen Kollegen. Außerhalb der Proben geht es nachmittags gemeinsam mit anderen Eltern auf den Spielplatz, abends bleibt man bei der Familie. Während der Proben passen die mitgereisten Partner auf die Kinder auf, manchmal sitzt die Familie auch im Saal und hört zu. »Alle Kollegen sind sehr offen und herzlich, sie kennen die Kinder, erkundigen sich nach ihnen und freuen sich, wenn sie dabei sind«, stellt Paulien immer wieder fest. »Daniel mag Kinder sehr, er kennt sie alle und kann sehr gut mit ihnen umgehen.« Dieser Rückhalt im Orchester, bei Daniel Harding und dem Management ist extrem wichtig für die Eltern-Musiker, denn es erleichtert den Alltag vor Ort und die Vorbereitung auf eine Tour. »Als die neuen Regelungen für Eltern im Orchester beschlossen wurden, haben fast alle dafür gestimmt«, so Michiel, »und das Büro unterstützt uns sehr, zum Beispiel indem es sich um Appartements kümmert.« Die Kinder profitieren obendrein von der Atmosphäre: »Bruno hat unzählige Tanten und Onkel im Orchester. Im Moment interessiert er sich sehr für Trommeln und als Martin (Pauker im MCO. Anm. der Red.) das gesehen hat, hat er ihn mitgenommen und darauf spielen lassen«, erzählt Katarzyna. Auch in anderer Hinsicht sieht sie das Reiseleben als vorteilhaft für die Kinder: »Ihre Sinne werden wacher, sie nehmen so viel mehr auf, und ich merke immer, dass Bruno einen Schritt weiter ist, wenn er auf einer Tour dabei war. Wichtige Entwicklungsschritte hat er buchstäblich unterwegs getan: in Luzern begann er zu krabbeln und in Japan machte er die ersten Schritte.«
Die MCO-eigene Flexibilität scheint auf die Kinder abzufärben. Sie können sich schnell auf die Gegebenheiten vor Ort einstellen, freuen sich, wenn sie andere Kinder treffen und haben auch mit vielen Musikern Freundschaft geschlossen. Ein echter Tourneeprofi ist zum Beispiel Adèle Harding, die Tochter von Daniel Harding und der Solobratschistin Béatrice Muthelet. Sie begleitet ihre Eltern häufig zu Projekten, seit sie zur Schule geht allerdings nur noch in den Ferien. Adèle hat ihre Patentante im MCO, spielt gerne mit den Büromitarbeitern, freut sich aber besonders, wenn ein gleichaltriges Kind dabei ist, wie beispielsweise Antoine, der Sohn von Stage Manager Lionel Freuchet und der Solistin Isabelle Faust. Auch kleineren Reisepannen begegnet sie souverän: Wenn mal unterwegs der Koffer verlorengeht, kommt sie vor Ort auch ohne ihr Spielzeug aus. Besonders schön findet sie es, dass sie auf Tour Mummy oder Daddy für sich allein hat, zu Hause gibt es noch den kleinen Bruder George, »dem man immer hinterherlaufen muss, weil er so gerne wegrennt.«
Für die Eltern-Musiker im MCO ist Realität, was für viele Leute in anderen Berufen eine Traumvorstellung ist: die Vereinbarung von Beruf, Mobilität und Familie. Auch wenn der Alltag oft anstrengend ist, beurteilen sie das MCO als ein Vorreitermodell in Sachen Familienfreundlichkeit: »Viele Leute glauben mir nicht, wenn ich erzähle, dass ich Bruno und Filip problemlos mitbringen kann. Ich denke schon, dass das MCO ein Modell sein kann – aber ob viele Leute so leben möchten wie wir das tun?« überlegt Katarzyna, während sie in Reggio Emilia Bruno zusieht, wie er mit einem italienischen Kind über dessen Luftballon verhandelt.
Das Thema wird für das MCO noch lange virulent bleiben. Kinderkriegen steckt nun mal an, wie die Gruppe der Zweiten Geigen unter Beweis stellt: »In unserer Gruppe gibt es fast nur Eltern. Und ich behaupte, man hört es.« Sagt einer, der es wissen muss.