»Wir wollten die GMJO-Erfahrung fortsetzen«, sagt Geoffroy Schied, eines der Gründungsmitglieder des MCO. Von ihren Erfahrungen beim Gustav Mahler Jugendorchester (GMJO) inspiriert, beschloss 1997 eine Gruppe junger Musiker, die die Altersgrenze des Jugendorchesters von 26 Jahren erreicht hatten, weiter gemeinsam zu musizieren. Mit Hilfe ihres musikalischen Paten Claudio Abbado gründeten sie ihr eigenes Ensemble und nannten es in Würdigung der gemeinsamen Wurzeln das Mahler Chamber Orchestra.
Die Musikgeschichte ist geprägt von Beispielen einzelner oder mehrerer Musiker, die mit Konventionen brachen und Neues schufen. 1882 wurde Berlins Philharmonisches Orchester von einer Gruppe unzufriedener Musiker gegründet, die sich von der sogenannten Bilse’schen Kappelle trennten um Meister ihres eigenen Schicksals zu werden. Fast ein Jahrhundert später bilden sich, gleichsam als Antwort auf die sich immer stärker globalisierende Musikszene, transnationale, selbstverwaltete Ensembles wie das Chamber Orchestra of Europe. Die Berliner Philharmoniker sind heute das städtische Orchester Berlins mit einer weltweiten Ausstrahlung, ihr besonderer Rang ist indes auch an der immer noch sehr demokratischen Struktur und dem daraus resultierenden besonderen Selbstbewusstsein der Musiker gewachsen.
Einzelheiten dieser Vorbilder übernehmend, entwickelte das MCO sein eigenes Modell. »Ich wurde gefragt, ob ich Interesse hätte das Orchester zu managen«, erinnert sich Andrea Zietzschmann, die erste Geschäftsführerin des MCO. »Obwohl wir mit einem Büro in Berlin anfingen, war überhaupt nicht klar, wo das Orchester zu Hause sein sollte oder wie es organisiert werden könnte. Wir wussten nur, dass die Interessen der einzelnen Mitglieder – die das Orchester ins Leben gerufen hatten – absolute Priorität hatten.«
Unter dem Einfluss von Abbado und den Erfahrungen, die einige Mentoren der Gründungsmitglieder bei den Berliner Philharmonikern gemacht hatten, entwickelte das Ensemble eine, wie Geoffroy es nennt, Kultur demokratischer Entscheidungsfindung.
Alle Musiker sind freischaffende Künstler, die neben ihren MCO-Projekten auch andere Engagements in ihrem jeweiligen Heimatland annehmen können. Diese Flexibilität hat sich als eine der größten Stärken des Orchesters erwiesen: »Unsere Fähigkeit ist es, ganz individuelle Projekte gestalten und schnell und flexibel auf Anfragen reagieren zu können«, sagt Zietzschmanns Nachfolger Andreas Richter.
Die variable Struktur bringt Herausforderungen mit sich. Ohne festen Wohnsitz oder permanente Präsenz in einer bestimmten Region bekommt das MCO keine staatlichen Subventionen wie andere von der öffentlichen Hand getragene Orchester oder Opernhäuser.
Im Lauf der Jahre hat sich das MCO weiterentwickelt. Über neue Mitglieder wird immer noch demokratisch abgestimmt, der Vorstand spielt nach wie vor eine wichtige Rolle in Fragen der Planung, die Mitglieder bestimmen immer noch selbst, an welchen Projekten sie teilnehmen, und, das Wichtigste, das Orchester spielt mit dem gleichen Enthusiasmus wie zu Beginn. Die Musiker sind mittlerweile erfahrene Profis, viele von ihnen sehen das MCO als zentralen Baustein in ihrer künstlerischen Biographie. »Es ist eine Gradwanderung zwischen Flexibilität und Sicherheit«, sagt Richter, »sie genießen es, zusammen Musik zu machen und sie genießen ihre Unabhängigkeit, aber sie tragen das volle Risiko ihrer künstlerischen Tätigkeiten im Grunde wie ein Solist oder Dirigent.« Der Professionalisierung seiner Musiker entsprechend, hat das Orchester seine Basis erweitert: es investierte in seine Kommunikation, schuf eine Abteilung für Entwicklung und Fundraising und rief eine eigene MCO-Stiftung ins Leben.
Das MCO-Experiment: allgemeines Vorbild oder einmalige Ausnahme? Die Zeit wird darüber entscheiden. Die zukünftige Herausforderung wird sein, das zu erhalten, was Geoffroy »unsere ursprünglichen Ideale« von Freiheit, Flexibilität und Selbstbestimmung nennt, und gleichzeitig Kontinuität durch Touren, Festivals und Residenzen herzustellen. Im Fall des MCO heißt dieses Paradox vielleicht eher konstruktive Auseinandersetzung als destruktiver Konflikt. Wie Andreas Richter sagt: »Der Eckpfeiler des MCO ist seine Qualität, und Musiker spielen am besten, wenn sie unabhängig und eigenverantwortlich ihre eigenen Schicksale lenken können.«