Daniel Harding

Daniel Harding

Aston Martin 

Principal Conductor Daniel Harding über zehn gemeinsame Jahre mit dem MCO

Sie arbeiten mit dem MCO seit seiner Gründung. Was hat sich seitdem an der Zusammenarbeit verändert, verglichen z.B. mit der Arbeit an Don Giovanni?
Daniel Harding: Zu Beginn gab es eine unglaubliche Abenteuerlust. Wir haben damals jeden Tag etwas Neues gespielt, haben neue Leute getroffen und vielleicht gab es auch diesen Wunsch anders zu sein, interessant zu sein. Ich glaube, die Neugier ist immer noch da und sicherlich auch starke Bindung, aber wir haben einen anderen Grad an Reife erricht. Ich glaube, das MCO besteht in erster Linie aus Qualität, Konzentration, Leidenschaft und fanatischer Hingabe an die Musik. Ich habe hier nie das Gefühl, dass die Musiker sich in den Mittelpunkt stellen oder glauben beweisen zu müssen wie interessant und dynamisch sie sind. Es dreht sich alles um die Musik.

Heute, fast zehn Jahre später dirigieren Sie das Jubiläumskonzert des Orchesters, wieder in Ferrara. Hätten Sie das vor zehn Jahren erwartet? Haben Sie damals irgendetwas erwartet?
Daniel Harding: Ich glaube nicht, dass sich 1998 irgendjemand von uns vorstellen konnte, was aus dem Orchester 10 Jahre später werden würde. Wir waren fasziniert von der Gegenwart. Das Wichtigste, was in den letzten Jahren erreicht wurde, ist, dass das Orchester konstant gewachsen ist und sich weiterentwickelt hat. Einzelne Musikerpersönlichkeiten sind gekommen und gegangen, aber die Gruppen waren immer stärker. Ich habe niemals im Nachhinein über ein Projekt gedacht, dass wir es hätten besser machen können – und ich hoffe, dass bleibt noch lange so!

Ihr habt zusammen viele, oft sehr unterschiedliche Programme/Projekte realisiert. Welche sind Ihre Lieblingsprojekte und warum?
Daniel Harding: Da gibt es so viele Erinnerungen. Ein Höhepunkt war sicherlich unsere Tournee mit der zweiten Symphonie von Schumann im November 2005, die in Moskau endete.

Dieses Stück erfordert eine unglaubliche Balance zwischen Prunkvollem, Monumentalem und Intimen, Intellektuellen. Zwischen dem Singenden und dem Redenden. Es gibt nicht annähernd genug Musiker, die Schumann innig verehren und es ist eine große Ehre für das MCO, dass jeder, der bei dieser Tournee mitgewirkt hat, noch immer mit solch einer Ehrfurcht und Wärme davon spricht.

Dann wären da noch die letzten drei Symphonien von Mozart in Japan?… Dieses Programm dauerte drei Stunden, es gab zwei Pausen und das Orchester spielte jede Wiederholung. Das war mit Sicherheit das anstrengendste Konzert, das wir je gegeben haben. Nach der Finsternis in der g-Moll Symphonie hatten wir stets das Gefühl am Ende zu sein, aber dann folgte die Jupiter und rettete uns. Diese Auftritte fühlten sich nie wie Konzerte an, sondern eher wie tiefernste religiöse oder intellektuelle Zeremonien. Als würde man Aristoteles lesen oder eine heilige Messe feiern. (Aber vielleicht viel spaßiger…)

Vielleicht klingt das etwas bizarr, aber ich erinnere mich immer sehr gerne an die Zauberflöte zurück, die wir in Wien aufgeführt haben. Dafür gibt es nicht viele Gründe, aber ganz sicher einen und zwar, wie das Orchester gespielt hat. Ich glaube, dass es keinen Kritiker auf der Welt gab, der ein gutes Wort für einen von uns übrig hatte. Ganz offensichtlich sind die faszinierenden und schönen Dinge, die ich jeden Abend im Orchestergraben genoss, spurlos an ihnen vorbeigezogen… Und dann wären da noch Così mit Patrice Chéreau, die Proben Pierre Boulez’ mit dem Orchester… Sehr, sehr viele großartige Momente.

Gibt es irgendein Konzertprogramm oder Projekt, das Sie unbedingt mit dem MCO spielen möchten?
Daniel Harding: Wir werden Wagner zusammen spielen. Die Erkenntnisse im Laufe der letzten 40 Jahre über die historische Entwicklung von Aufführungstraditionen nahezu aller großen Komponisten sind revolutionär. Wagner wird, da bin ich mir sicher, als nächster und umstrittenster Komponist in die Diskussion geraten. Es gibt keinen Komponisten, der so viel, oft irrwitzigen, Fanatismus angezogen hat und dessen Aufführungstradition so stilisiert und unerschütterlich geworden ist. Wenn die Leute unsere Zauberflöte nicht mochten, was werden sie dann erst über Wagner sagen?!

Welche künstlerischen Ideale verbinden Sie mit dem MCO?
Daniel Harding: In der selben Minute, in der ich das Gefühl bekomme, wir haben aufgehört, uns weiter gemeinsam zu entwickeln, werde ich das MCO verlassen. Kein Orchester und kein Dirigent kann es sich leisten, still zu stehen und zufrieden zu sein. Ich glaube, unsere Verbindung bleibt am Leben, weil wir immer dazulernen möchten. Jedes Projekt spielen wir mit dem Gefühl, dass es nicht besser werden kann, und doch wissen wir um WIEVIEL BESSER es seit dem letzten Mal geworden ist. Wir proben nicht einfach, um ein Konzert auf die Beine zu stellen. Es geht immer darum, zu verstehen, warum wir spielen wie wir spielen. Das bedeutet, dass die Dinge die wir lernen und für uns entdecken das Konzert noch lange überdauern. Manchmal glauben wir ganz fest an eine Sache und dann, später, glauben wir das genaue Gegenteil. Umso besser! Wenn wir unsere Meinung nicht ändern können, sind wir Nichts. Man sollte um Gottes Willen nicht versuchen, zu denjenigen zu zählen, die meinen, sie wüssten über alles Bescheid.

Abgesehen von künstlerischer und musikalischer Qualität sind das MCO und Daniel Harding bekannt für Frische, Enthusiasmus und Lebendigkeit – einige nennen es schlicht ›Jugend‹. Wie stehen Sie zu diesem Begriff?

Daniel Harding: Ich denke, das ist eine langweilige Vorstellung. Am liebsten würde ich das MCO und die Idee von ›Jugend‹ voneinander distanzieren. Von der Jugend können wie nicht leben – wir verlieren sie täglich! Wenn wir jugendliche Musik spielen, sollten wir uns auch jung fühlen. Ich glaube, das MCO kann für sehr viele Dinge stehen. Das Orchester ist mit der Musik, die es spielt, aber auch emotional wie ein Chamäleon. Es ist gefährlich und kleinlich, uns als jung zu verkaufen. Junge Leute, soviel steht fest, müssen jung sein und daran gibt es auch Vieles zu zelebrieren, aber Musiker verändern sich, wenn sie spielen. Wir müssen zur Musik werden und nicht umgekehrt. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, dass ein Orchester seine Persönlichkeit der Musik, die es spielt, aufzwingt. Das MCO – und jeder mit Einfühlungsvermögen erkennt das sofort – ist viel mehr als das und dafür liebe ich dieses Orchester.

Wenn das MCO eine Automarke wäre, wäre es ein …
Daniel Harding: Ein Aston Martin. Wenn James Bond ein Orchester hätte, wäre es sicherlich das MCO!

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