Ob die Krise das MCO beeinträchtige oder gefährde, werden wir Zurzeit oft gefragt. Die Antwort lautet: Welche der vielen Krisen? In den meisten Ländern ist die Wirtschaftskrise jetzt erst in den Kulturetats angekommen und hat dort brisante Kürzungen zur Folge. Besonders stark betroffen sind die Budgets für freie künstlerische Projekte, aus denen die Einladungen an Gastorchester finanziert werden. In einigen Ländern hat die Finanzkrise die eigene Währung gegenüber dem Euro geschwächt, so dass Projekte mit Veranstaltern vor Ort akut gefährdet sind. Zuweilen scheint es sich um eine Sinnkrise der Kulturpolitik zu handeln, die – ohne finanzielle Notwendigkeit – Budgets radikal zusammenstreichen lässt. Veranstalter, die überwiegend mit Geldern aus der Wirtschaft oder durch Mäzene finanziert sind, spüren die Krise oft nicht weniger hart, zuweilen sogar abrupter, weil zugesagte Beträge kurzfristig ausfallen.
Das Resultat ist überall ähnlich: Es wird deutlich schwieriger, die für ein freies Orchester überlebensnotwendigen Gagen zu erzielen. Und es ist zur gleichen Zeit fast unmöglich, mehr Spenden oder Sponsoringerträge zu generieren. Festivals veröffentlichen ihr Programm mittlerweile erst wenige Monate vor Beginn, und es wird immer komplizierter, Tourneen zu planen, die verschiedene Länder streifen, weil die Festlegungen zu sehr verschiedenen Zeitpunkten erfolgen. Bestätigungen und Verträge kommen erheblich später, es gibt eine allgemeine Verunsicherung, die mancherorts bis zur Lähmung geht.
Umso wichtiger ist es, jetzt für die Zukunft vorzusorgen. Die Residenzen in Ferrara und NRW, die konstante Bindung an das Lucerne Festival bedeuten für das Orchester eine stabile Arbeitsgrundlage. Aber im Gegensatz zu den subventionierten Orchestern, die eine Heimat mit einem politisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich klar definierten Umfeld haben, das Stabilität bewahren hilft, muss das MCO sich ein solches überall aufbauen.
Unsere Vision ist es, Netzwerke zu etablieren und an bestehenden Netzwerken zu partizipieren, unsere Residenzen zu einem Netzwerk zu verknüpfen, um Raum zu schaffen für aufregende künstlerische Projekte und vielfältige Zusatzaktivitäten. Nur durch gezielte Koproduktionen lassen sich zum Beispiel aufwändige konzertante Opernaufführungen realisieren. Zu diesem Netzwerk zählt auch eine große Zahl an Veranstaltern, die das MCO regelmäßig einladen können: in der Saison 2010/11 sind es an die 40 Orte und Veranstalter mit über 70 Konzerten. Was wir in die Projekte einbringen, ist ein Netzwerk an Dirigenten, Solisten und Orchestermusikern, das wahrhaft international ist und viele erstklassige und berühmte Künstler verbindet.
Das Netz der MCO Friends, international und mobil, wollen wir weiterentwickeln, mit Hilfe von Web 2.0 ebenso wie durch bewährte ganz persönliche Betreuung. Ein weiteres Instrument zur Zukunftssicherung ist die vor zwei Jahren gegründete MCO-Stiftung, die uns einen hochkarätigen Circle of Patrons aufbauen hilft. Dieser Kreis wiederum soll mit dazu beitragen, auch in Zukunft außergewöhnliche und profilbildende Projekte zu realisieren, die nicht aus dem Veranstaltungsetat finanziert werden können. Ziel muss es sein, weit unabhängiger von den wirtschaftlichen Möglichkeiten der Veranstalter, besondere künstlerische Programme zu initiieren und anzubieten. Ein Netz aus Unternehmen und Mäzenen wünschen wir uns, das das Orchester in seiner Existenz sichern hilft.
Parallel dazu arbeiten wir an einem Netzwerk für die Ausbildung von Orchestermusikern. Zu der Zusammenarbeit mit dem Orchesterzentrum| NRW in Dortmund und den früheren Projekten mit dem venezolanischen Jugendorchester kommen in dieser Saison erstmals Projekte in Japan und Brasilien hinzu. Auch dies ein profilbildendes wie zukunftsweisendes Projekt, mit dem das MCO auf das internationale Orchesterleben einwirken möchte.
All diese Überlegungen wollen weiterführen, was das MCO von der Gründung an war: der Versuch, ein Orchester unabhängig und frei zu führen, dem Primat der Kunst folgend, mit einer Struktur, die darauf zielt, auf höchstmöglichem Niveau und mit großer Lebendigkeit besondere Konzerterlebnisse zu schaffen. Die Rahmenbedingungen für Kultur werden nicht einfacher – umso mehr ist jeder, der die Musik liebt, eingeladen, sich einzubringen: als Musiker, als Veranstalter, als Unterstützer oder als Hörer.