Andreas Richter

Andreas Richter // 30.06.2007

Casta Diva

Andreas Richter, Intendant und General Manager des MCO, über seine Eindrücke, seine Erfahrungen und Pläne mit dem Orchester.

Sie sind seit März 2007 Intendant des MCO, bis dahin hatten Sie unter anderem die Direktion des Deutschen Symphonie Orchesters in Berlin inne. Was hat sich an Ihrem beruflichen Alltag am stärksten verändert, seit Sie beim MCO sind?
Andreas Richter: Das DSO ist ein Orchester, das pro Jahr ungefähr 70 Konzerte in seiner Heimatstadt Berlin spielt, hinzu kommen einige Auslandsgastspiele. Während das MCO, wenn es spielt, immer auf Reisen ist. Das heißt, mein Alltag ist stark von Reisen geprägt und die Arbeit ist nicht, wie beim DSO, von der Fokussierung auf ein bestimmtes Publikum in einer bestimmten Stadt geprägt.

Wie war Ihr allererster Eindruck vom MCO und wo haben Sie den gewonnen?

Andreas Richter:
Den erste Eindruck, den ich verifizieren kann, war eine Vorstellung von Così fan tutte im November 2006 in Wien und kurz danach das Berliner Konzert Somethin’ Stupid?… im Konzerthaus. Freilich war ich auch schon vorher mit dem MCO konfrontiert, weil einige Musiker des DSO auch beim MCO spielen und ich ihnen dafür Urlaubsscheine unterschreiben musste. Mein Eindruck war: ein sehr lebendiges, frisches, engagiertes und junges Orchester.

Hat er sich bewahrheitet?
Andreas Richter: Ja. Hat er.

Sie haben eine abgeschlossene Lehrerausbildung, haben als Journalist, Dramaturg, Leiter der Kommunikationsabteilung der Komischen Oper und als Orchesterdirektor gearbeitet. Welche Erfahrungen erweisen sich als die nützlichsten beim MCO?
Andreas Richter: Das Interessante ist, dass alle meine Berufserfahrungen der aktuellen Tätigkeit zugute kommen. Die Pädagogik ist wichtig für den Umgang mit Menschen, die Journalisten- und Kritikertätigkeit hat mir tiefe Einblicke ins Musikleben verschafft, und als Dramaturg musste ich über musikalisch-inhaltliche Kompetenz verfügen. Der ganze Bereich Kommunikation kommt dem Orchester zugute, weil man da lernt, ein starkes Netzwerk zu schaffen. Und aus der Zeit beim DSO verfüge ich über Erfahrungen im internationalen Musikbetrieb, in der engen Zusammenarbeit mit herausragenden Künstlern wie Kent Nagano, und im Umgang mit Politik und Wirtschaft.
Und doch: Man fängt in gewisser Weise immer wieder von vorne an, gemeinsam mit neuen Mitarbeiten ein neues Orchester neu zu denken.

Kurz vor dem zehnten Geburtstag befindet sich das Orchester ein wenig zwischen den Zeiten – man blickt mit Stolz und Freude zurück und mit Spannung nach vorne. Was sollte das MCO Ihrer Meinung nach aus den vergangenen Jahren unbedingt mitnehmen?
Andreas Richter: Die Lebendigkeit, die Freude am Musizieren, die Freundschaft und den Respekt der Menschen untereinander und seinen Idealismus.

Und was zurücklassen?

Andreas Richter: Überlebensängste, falsche Bescheidenheit, und zu viele Zufälligkeiten in der Konzeption und Planung.

Welches sind die größten Herausforderungen, die sich einer Struktur wie der des MCO in Zukunft stellen werden?
Andreas Richter: Die prinzipielle Herausforderung hier ist, dass sich das Orchester immer neu erfinden muss. Es gibt zwar Sachzwänge von außen, aber die entheben uns nicht der Verpflichtung, uns immer wieder zu fragen: wo stehen wir und wo wollen wir hin? Das meint sowohl künstlerische Pläne wie auch Strukturen – rechtliche und kommunikative. Eine weitere Herausforderung ist, eine Balance herzustellen zwischen Einzelinteressen der Musiker, ihrer individuellen Lebensplanung (Stichwort Familie, Kinder) und den gemeinsamen Interessen des Organismus. Ein weiterer Punkt ist, eine flächendeckende Präsenz bei den wichtigen Festivals und den musikalischen Zentren Europas herzustellen.

Taugt das MCO als Zukunftsmodell für Orchesterstrukturen im Allgemeinen? Und wenn ja, inwiefern?
Andreas Richter: Ich glaube, es taugt als Vorbild, aber in seiner Radikalität ist dieses Modell nicht an allen Orten umsetzbar. Die Unabhängigkeit von öffentlicher Unterstützung verschafft uns zwar Freiheit, ist aber nicht für viele andere Orchester lebbar. Außerdem ist ein Leben, das in seiner Form eher dem Leben eines Solisten als dem eines Orchestermusikers gleicht, für viele Musiker auf Dauer nicht vorstellbar.

Nordnorwegen, Island, Griechenland, vielleicht auch Israel und Dubai – sie erschließen dem Orchester neue Spielorte. Wohin wollen Sie mit dem Orchester?
Andreas Richter: Überall dorthin, wo es spannend ist, wo wir neue Spielorte, gerne auch abseits der gewöhnlichen Tourrouten von Orchestern, finden, und wo es einen Austausch zwischen unterschiedlichen Kulturen geben kann.

Ein Lieblingsreiseziel? Gibt es einen Ort, an dem Sie das MCO unbedingt spielen hören möchten?
Andreas Richter: Vor dem Taj Mahal.

Was fasziniert Sie persönlich an diesem Orchester?
Andreas Richter: Die Freiheit, die ich hier spüre – künstlerisch und grundsätzlich. Die Notwendigkeit von Verantwortung und Führung. Und die sehr bereichernden Kontakte mit den Menschen, die sich hier zusammenfinden.

Wenn das MCO eine Opernarie wäre, wäre es …
Andreas Richter: Casta Diva.

 

Quelle: ON TOUR 2007/2008

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