Daniel Harding weiß einen Trick, damit Schüler aus gleich sieben Klassen aufmerksam die Ohren spitzen, wenn es um klassische Musik geht. Er fragt die Mädchen und Jungen, die an diesem Morgen auf Einladung des Orchesterzentrums|NRW bei der ersten MCO Academy zuhören dürfen, ob denn heute jemand Geburtstag habe. Keiner? Dann wird eben einer der Kontrabassisten kurzerhand zum Geburtstagskind ernannt und scheppernd das verquere Greeting Prelude von Igor Strawinsky intoniert. Die lockeren Späße sind dann jedoch bald vergessen, denn es steht Le Sacre du Printemps auf dem Probenplan.
Harding feilt an den komplexen Rhythmen und Klangmischungen, setzt immer wieder von Neuem an. Er weiß, was er will, denn schon seit er Sacre als Trompeter in Studentenorchestern gespielt hat, ist er mit der musikalischen Materie vertraut. Das Stück hat immer noch seinen Ruf als große Herausforderung. Was früher jedoch einen der größten Skandale der Konzertgeschichte provozierte und als unspielbar galt, ist heute Standard – Standard, der in der üblichen, knappen Probenzeit bewältigt werden muss. In ihrem Berufsalltag werden die 15 Studenten des Orchesterzentrums, die an diesem Morgen in den Reihen des MCO musizieren, noch oft vor solchen Situationen stehen.
Dass angehende Orchestermusiker im MCO ausgebildet werden können, ist ein Ergebnis der Bemühungen des Intendanten des Konzerthauses Dortmund, Benedikt Stampa. Er hatte schon in seiner Zeit als Geschäftsführer der Hamburger Laieszhalle versucht, das MCO an sich zu binden. Als Stampa dann zur Saison 2005/06 nach Dortmund wechselte, war für ihn der Traum vom MCO noch nicht vom Tisch. Um das Orchester zu gewinnen, holten Stampa, das Land NRW und die Kunststiftung NRW zwei weitere Institutionen mit ins Boot: die Philharmonien in Essen und Köln. Aus all diesen Anstrengungen erwuchs zum einen die Residenz des MCO in Nordrhein-Westfalen, die bis ins Jahr 2013 für viele hochkarätige Konzerte im Land sorgt.
Das Orchesterzentrum|NRW, eine Ausbildungsstätte der vier Nordrhein- westfälischen Musikhochschulen in Köln, Essen, Detmold und Düsseldorf, ist nicht nur bundes-, sondern auch europaweit einmalig und ermöglicht eine Ausbildung, die eng mit der Praxis verknüpft ist. Gegründet wurde die Institution zwar bereits 2004, verfügt aber erst seit knapp einem Jahr über adäquate Räumlichkeiten in der Dortmunder City. Das Konzerthaus ist nur zwei Gehminuten entfernt. Die neuen Proben- und Überäume in den unterschiedlichsten Größen sind auf die Bedürfnisse junger Orchestermusiker zugeschnitten. Die Bühne des Kammermusiksaals ist genauso breit und tief wie die des Konzerthauses: Das macht Proben in voller Besetzungsstärke möglich.
Am Orchesterzentrum können Studenten im Rahmen eines zweijährigen Aufbaustudienganges an Defiziten arbeiten, unter denen angehende Instrumentalisten immer wieder leiden: fehlende Vorbereitung auf Vorspielsituationen, mangelnde Orchestererfahrung – und nicht zuletzt sollen hier aus Einzelkämpfern Teamplayer gemacht werden. Während des Unterrichts ergeben sich ganz nebenbei Kontakte, und man kann Netzwerke aufbauen, die sich später als äußerst wertvoll erweisen. Viele finden das attraktiv: Auf eine freie Stelle im Orchesterzentrum bewerben sich 150 bis 200 junge Musiker.
Die Academy-Ausbildung hat mehrere Facetten. Zunächst werden einzelne MCO-Musiker eingeladen, Workshops im Rahmen des normalen Studienbetriebs zu geben. Einmal im Jahr steht zudem das so genannte MCO Academy-Konzert an, ein Projekt, bei dem das Mahler Chamber Orchestra durch Studenten des Orchesterzentrums ergänzt wird. In der dritten Stufe werden dann einzelne, besonders begabte Studenten ausgewählt und auf Tournee mitgenommen. Einmalig-hochkarätige Weiterbildung, Unterricht, gemeinsame Auftritte und die Möglichkeit, Stipendien zu erhalten: Das alles macht die MCO Academy aus.
Im Mai 2011 soll der Academy-Gedanke nach Japan exportiert werden – geplant ist eine Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Yutaka Sado. Anfang Mai wird Pierre Boulez für Academy-Proben nach Dortmund kommen und anschließend ein Konzert in der Kölner Philharmonie dirigieren. Esa-Pekka Salonen wird ihm als nächster Academy-Leiter im Jahr 2012 folgen. Unterschiedliche Dirigenten sollen den Studierenden und dem MCO dabei mit ihrem eigenen Stil ganz persönliche, neue Sichtweisen vermitteln. Auch ein Spezialist für historische Aufführungspraxis wird mit dabei sein: Ton Koopman wurde für die MCO Academy im Dezember 2010 eingeladen.
Koopman wird in Dortmund Musik von Georg Friedrich Händel, Carl Philipp Emmanuel Bach und Wolfgang Amadeus Mozart proben und die Ergebnisse dann in der Essener Philharmonie sowie in Köln und Dortmund präsentieren. Bei den Workshops wird es vor allem darum gehen, wie man sich spieltechnisch ganz individuell der Musik des Barock und der Klassik nähern kann – und welche Entscheidungen und Kompromisse dabei nötig sind.
Am Ende der ersten Academy des MCO in Dortmund herrschte Begeisterung auf allen Seiten. »Wirklich jeder Einzelne ist hier hundertprozentig dabei«, meint Geiger Roman Brncic, der bei Sacre die Streicher-Sektion komplettiert hat. »Man lernt von denen viel. Dieser Zusammenhalt, dass jeder mit Energie dabei ist: Das ist es, was man mitnimmt«. Auch andere Studenten haben von der Kollegialität berichtet, die ihnen aus den Reihen des MCO entgegengebracht worden ist. Viele waren dankbar für praktische Tipps und positive Kritik.
Auch MCO-Soloflötistin Chiara Tonelli hat das Außergewöhnliche in der Beziehung zu den Mitspielern gespürt, die ihr anvertraut waren: »Ich glaube schon, dass das was ganz Besonderes ist, weil wir gerade mal eben ein bisschen älter sind als sie und es da noch so viel Schwung und Energie gibt. Und so viel Lust am Bessermachen.« Schließlich schwärmt auch Daniel Harding von den angehenden Orchesterprofis: »Sie fügen sich wunderbar ein, manchmal ist es fast schwer, sie von den anderen zu unterscheiden. Unsere Musiker sagen, sie vertrauen ihnen ganz und gar.« Das dürfte wohl das größte Lob von allen gewesen sein.