Kölner Stadtanzeiger // 02.03.2010

Auf reiner Flamme
Das Mahler Chamber Orchestra gastiert unter Edward Gardner in Köln

von Stefan Rütter

(...). Statt seiner [Seiji Ozawa, Anm. d. Redaktion] kam der junge britische Dirigent Edward Gardner und übernahm trotz des kurzfristigen Engagements den größten Teil des annoncierten Programms. Lediglich zum Einstieg gab es nun nicht Mozart, sondern Britten: die vier "Sea Interludes" aus "Peter Grimes", deren Lichtstimmungen und Witterungswechsel bildkräftig eingefangen waren. Ein leicht verwackeltes Klangbild bei den gekoppelten Violinen und Flöten, ein paar bröselnde Bläsereinsätze: typische Sprödigkeiten des Anfangs, die man bald im Griff hatte.

Gardner, seit 2007 Musikdirektor der English National Opera, ist ein echter Theatermann; das erwies sich auch bei einer Szenenfolge aus Prokofjews Ballett ,,Romeo und Julia". Er folgte dem melodischen Sog der Balkonszene mit wohldosiertem Sentiment, kostete die herben Dissonanzen und Schlagzeugkaskaden in "Tybalts Tod" weidlich aus. Urn solche Oberflächenreize zu erzielen, braucht man Geiger, deren Klang auch in der dreigestrichenen Oktave noch mit reiner Flamme brennt, und Schlagzeuger, die Florettfechter sind.

Mit solchen wunderbaren Musikern ist das Orchester bis in die letzten Pulte hinein besetzt. Was Bartóks "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta" an rhythmischen Asymmetrien und widerborstigen Akzentverschiebungen bereithält, lösten sie zu lockerem Fluss auf; schlanker Ton und sparsames Vibrato machten den Klang hell und sorgten für größtmögliche Transparenz im doppelchörigen Streichersatz.

[…]

Home
English