„…die Musik bekam eine Art von liebenswürdigem Ausdruck, über den ich noch heute toll werden möchte…“
Geistliche Musik zählt nicht zum Stammrepertoire des MCO, gleichwohl konnte das Orchester diesbezüglich in den vergangenen Jahren einige Akzente setzen: Beim Arts Festival 2008 in Harstad dirigierte Robin Ticciati Haydns Theresienmesse, ein Jahr darauf spielte das MCO dort Bachs Kantate „Jauchzet Gott in allen Landen“ und stellte mit Solotrompeter Christopher Dicken auch den Solist. Daniel Harding leitete umjubelte Aufführungen von Bachs Matthäuspassion und Haydns Schöpfung beim Sintonie-Festival in Turin, und dirigierte im vergangenen Jahr Schumanns Das Paradies und die Peri mit großem Erfolg beim LUCERNE FESTIVAL.
Nun steht Felix Mendelssohn-Bartholdys Elias auf dem diesjährigen Festivalprogramm in Luzern. Mit Daniel Harding, Thomas Quasthoff, Julia Kleiter, Bernarda Fink, Michael Schade und der Swedish Radio Choir kann eine Idealbesetzung für das Projekt präsentiert werden.
Mendelssohn hat ein breitgefächertes Gesamtwerk hinterlassen, in dem die geistliche Musik einen besonderen Platz einnimmt. Oratorien sind darin nur vereinzelt erhalten: Paulus op. 36 (1835) und Elias op. 70 (1846) sowie das Fragment Christus op. 97. Elias war eine Auftragsarbeit und wurde 1846 mit überragendem Erfolg beim Birmingham Music Festival uraufgeführt. Oratorien zählten in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu den beliebtesten Gattungen, durch die Gründung privater bürgerlicher Musikvereine waren sie aus den Kirchen in die Konzertsäle geholt worden. Wichtigste Förderer dieser Entwicklung waren die musikalischen Akademien in den großen Städten, wobei hier der Sing-Akademie zu Berlin besondere Bedeutung zukommt, deren Mitglied Mendelssohn war. Die Sing-Akademie widmete sich in besonderer Weise dem oratorischen Vermächtnis Georg Friedrich Händels, und spätestens mit der Wiederaufführung der Matthäuspassion von Johann Sebastian Bach 1829 zementierte sie ihre Bedeutung als Hort der Musikpflege früherer Generationen.
Elias erfuhr eine Genese von knapp zehn Jahren. Bereits kurz nach der Uraufführung des Paulus erwog Mendelssohn die Komposition eines weiteren Oratoriums, allerdings stellten sich diverse Schwierigkeiten bei der Stofffindung und der Erstellung eines Librettos ein. (Auch musikalisch überarbeitete der Komponist noch nach der Uraufführung etliche Stellen.) Mendelssohn beanspruchte für seine Oratorien eine tiefe religiöse Ernsthaftigkeit. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen, die häufig versuchten, die Säkularisierung der Gattung durch handlungstechnische und musikalische Dramatisierung (die nicht selten zur Verflachung führte) zu begegnen, setzte sich Mendelssohn intensiv den Themen und Fragen seiner biblischen Stoffe auseinander und versuchte, sie musikalisch in einem zeitaktuellen Kontext zu beantworten. Die Figur des Elias wünschte er sich stark, unbeirrbar und leidenschaftlich - ein alttestamentarischer Kämpfer im Namen Gottes, im Sinne der Bibel so authentisch wie irgend möglich (das Libretto bedient sich von wenigen Ausnahmen abgesehen fast ausschließlich alttestamentarischer Texte). Im Endergebnis formulierte Mendelssohn jedoch eine wesentlich tiefer dimensionierte und „modernere“ Figur, die eine Entwicklung durchmacht vom zornigen Kämpfer gegen die Baal-Priester über den Krisengeschüttelt-Verzweifelten bis hin zum durch die Theophanie hervorgerufenen erst wahrhaft verständnisvoll Glaubenden.
Musikalisch knüpfte Mendelsohn an die Traditionen Bachs und Händels an, jedoch ohne seine eigene Zeit zu verleugnen. Instrumentation und Harmonik stehen deutlich im Zeichen der frühen Romantik, während die enthusiastischen, fast opernhaften Chornummern eine Reminiszenz an den Barock darstellen. Die gewaltige Orchester- und Chorbesetzung ließen Elias zu einem Stück für das Musikfest-Repertoire werden, weniger für die Abonnentenreihen der Konzertsäle. Zu Mendelssohns Zeit war es üblich, für die Musikfeste regionale Orchester und Chöre zu gewaltigen Projektklangkörpern zusammenzufassen, anders hätte man die Aufführung eines derart großbesetzen Werkes kaum ermöglichen können.