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Konzert   Oper   
Vadim Repin
17 Apr / Son    20:00
Auditorium Teatro Manzoni
Bologna / Orchestra Mozart / tel +39 051 273 501 / info@orchestramozart.com / www.orchestramozart.com

Maurice Ravel Daphnis et Chloé Suite Nr. 2
Sergej Prokofiew
Violinkonzert Nr. 1 in D-Dur op. 19
Maurice Ravel Tzigane
Igor Strawinsky Der Feuervogel (1911)
Dirigent
Diego Matheuz/ Violine Vadim Repin/ Orchestra Mozart

Koproduktion Ferrara Musica - Orchestra Mozart


Paris und Russland in Ferrara und Bologna

Ferrara Arte widmet sich im Herbst 2011 mit der Ausstellung „Da Modigliani a Dalì: Parigi degli anni Venti“ dem gesamten umtriebigen Leben rund um die Bildende Kunst im Paris der 1920er Jahre. Daran anknüpfend veranstaltet Ferrara Musica in Kooperation mit dem Orchestra Mozart aus Bologna zwei Konzerte, deren Programme sich mit der Französischen Modere und der Moderne in Paris auseinandersetzen. Eingeladen und für das Projekt begeistert wurden das MCO (als Herzstück des Lucerne Festival Orchestra erfahren in orchestralen Großprojekten),  Claudio Abbado (Ehrenpräsident von Ferrara Musica und Gründer beider Orchester) sowie für einen weiteren Konzertabend der venezolanische Dirigent Diego Matheuz (Abbado-Schüler und seit 2010 Erster Gastdirigent des Orchestra Mozart) und der russische Geiger Vadim Repin. Das Repertoire dieses Konzerts beleuchtet die Zeit kurz vor und kurz nach dem ersten Weltkrieg, würdigt mit zwei Ballettmusiken eine der wichtigsten Tanzkompanien Europas, und zeigt den Einfluss russischer Musik auf die französische Moderne.

Vor hundert Jahren war Paris das unbestrittene Zentrum der modernen Kunst, die Wiege der Avantgarde. Bereits zur Zeit des Fin de Siècle hatte ein Zustrom von Künstlern aller Genres in die Metropole eingesetzt; infolge des Ersten Weltkriegs und der Oktoberrevolution ließen sich Unmengen von Emigranten an der Seine nieder, darunter bedeutende Künstler und Kunstliebhaber. Die rasanten Entwicklungen, die hier speziell von den Bildenden Künsten ausgingen, wirkten sich auch auf alle anderen Kunstgattungen stilprägend aus. Zwischen Künstlern, Kritikern, Sammlern und Impresarios entwickelte sich  ein intensiver Dialog, der Bildende und Darstellende Künste ebenso wie Literatur und Musik umfasste. 

Eine Schlüsselfigur des damaligen französischen Kulturlebens war der russische Impresario Sergei Djagelew, der es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, zeitgenössische russische Kunst in Westeuropa bekannt zu machen.  Ab 1906 organisierte er in Paris Konzerte an der Grand Opéra mit Werken von Glinka, Borodin, Tschaikowski, Rimski-Korsakow und anderen Komponisten seiner Heimat. Kulturgeschichte schrieb er jedoch mit den Balletts Russes, einer von ihm in St. Petersburg gegründeten Balletttruppe, die ab 1909 regelmäßig in Paris gastierte. Djagelew gelang es, eine ganze Reihe zeitgenössischer Avantgarde-Komponisten für dieses Projekt zu gewinnen, darunter auch Maurice Ravel und Igor Strawinsky.

Ravel war zeitlebens ein großer Freund und Bewunderer des Tanzes. In seinem Werk nehmen Ballettkompositionen einen breiten Raum ein, und auch viele andere seiner Kompositionen weisen Merkmale tänzerischer Formen auf – vom Volkstanz über klassische höfische Tänze bis hin zu Anleihen an zeitgenössische Jazzmusik. 1909 beauftragte Djagelew Ravel mit einer Ballettmusik für seine Compagnie, ein Werk, an dem der Komponist volle drei Jahre arbeitete. In Zusammenarbeit mit dem Librettisten Michail Fokin entstand Daphnis et Chloé, das auf der Stoffgrundlage eines Hirtenromans des antiken Dichters Longos beruhte. Die Uraufführung fand 1912 im Pariser Théâtre du Châtelet statt. Zwei Suiten daraus wurden 1911 (Suite No.1) und 1913 (Suite No. 2) veröffentlicht. 

Ravels Ambition ging über die Komposition einer „einfachen Ballettmusik“ hinaus, wie auch aus der ursprünglichen Gattungsbezeichnung „ Symphonie chorégraphique“ hervorgeht. Er kommentierte später die musikalische Konzeption zu Daphnis et Chloé wie folgt: „Was mir vorschwebte, war ein ausladendes musikalisches Fresko, weniger archaisierend als voll Hingabe an das Griechenland meiner Träume, welches sich sehr leicht mit dem identifizieren lässt, was die französischen Künstler des späten 18. Jahrhunderts nach ihren Vorstellungen gemalt haben. Mein Werk ist nach einem sehr strengen tonalen Plan symphonisch gebaut und zwar mittels einer kleinen Zahl von Motiven, deren Entwicklung die symphonische Homogenität des Werkes gewährleisten.“

Auch Sergej Prokofiew stand in Verbindung zu Djagelews Ballets Russes. Dieser produzierte Prokofiews Ballette zwischen 1921 und 1932, allerdings nahm die Pariser Kunstszene die Werke des russischen Komponisten zunächst gleichgültig bis ungnädig auf. Erst 1927, also knapp zehn Jahre nachdem Prokofiew die UdSSR verlassen hatte, gelang dem einstigen Wunderkind der russischen Musikavantgarde mit Le Pas d’acier endlich der Durchbruch in Westeuropa. Das Violinkonzert Nr. 1 entstand zwischen 1915 und 1917, die Hauptarbeit daran leistete Prokofiew im Sommer 1917, als er auch die Sinfonie classique fertigstellte. Die Wirren der Oktoberrevolution verhinderten die geplante Uraufführung in St. Petersburg, diese fand schließlich im Oktober 1923 in Paris statt.

Obwohl Prokofiew bei der Ausarbeitung des Soloparts mit dem polnischen Geigenvirtuosen Pavel Kochánski zusammenarbeitete, stieß das Konzert bei vielen Sologeigern zunächst auf wenig Gegenliebe. Die Uraufführung (29. September 1923) in Paris spielte Marcel Darieux, der Konzertmeister des Pariser Orchesters. Der gewünschte Erfolg blieb aus, Kritiker warfen dem Komponisten „Manieriertheit“ und „Mendelssohnismus“ vor, die lyrisch-romantische Grundstimmung entsprach offenbar nicht den zeitgenössischen, auf Modernität ausgerichteten, Maßstäben. David Oistrach, der das Konzert 1926 bei seiner Abschlussprüfung am Musikinstitut in Odessa spielte: "Ich kann nicht sagen, dass mich diese Musik sogleich gefangen genommen hätte. Gar zu vieles war sowohl im Charakter der Thematik wie in der Art ihrer Verarbeitung für die damalige Zeit darin ungewöhnlich. Aber je mehr ich mich in das neue Werk verbiss, desto mehr gefiel es mir. Mich zogen die gesanglichen Themen an, die phantastische Harmonik in der Begleitung, die neuartige Technik; vor allem das gewisse strahlende Dur-Kolorit der ganzen Musik, die wie eine Landschaft vom Sonnenlicht übergossen ist. "

Eine Hommage an das Virtuosentum ist auch Ravels Tzigane, zu dem ihn die ungarische Geigerin Jelly d’Aranyi (die Nichte Joseph Joachims) inspiriert hatte. Die Uraufführung fand 1924 in London statt, ein halbes Jahr danach adaptierte Ravel eine Fassung für Violine und Luthéal, einem dem Zymbal ähnlichen Tasteninstrument. Tzigane galt als schwierig bis überhaupt nicht spielbar; angeblich hatte es sich der Komponist zur Aufgabe gemacht, die Geigerin bis an die Grenze ihres Virtuosentums und darüber hinaus zu treiben, wie aus einem Brief an Béla Bartók hervorgeht. Stilistisch orientiert sich das Stück am Klangbild der Zigeunerfolklore, formal knüpft Ravel an Paganinis Violin-Capricen an. Dem Interpreten liefert es unendliche Möglichkeiten zur Improvisation. Die Interpretation Vadim Repins, der für seine brillante Technik ebenso berühmt ist wie für sein leidenschaftliches und sensibles Musizieren, verspricht einen neuen Maßstab in der Rezeptionsgeschichte des „diabolisch schwierigen Stücks“ (Ravel) zu setzen.

Igor Strawinskys Feuervogel führt zurück zu Sergei Djagelews Ballets Russes. Der damals weitgehend unbekannte Komponist erhielt 1909 per Telegramm das Angebot, die Musik für ein neues Ballett nach den alten russischen Märchen vom Feuervogel zu komponieren. Djagelew konzipierte das Ballett für das Pariser Publikum, dem er den zeitgenössischen russischen Tanz in besonderer Qualität präsentieren wollte. Trotz aller Bekenntnisse zur Avantgarde wies er Strawinsky und den Choreographen Michail Fokin an, möglichen Assimilierungsschwierigkeiten der Franzosen von vornherein vorzubeugen. So wurde die Handlung vereinfacht und auf einen einzigen Schauplatz konzentriert, wurden die ambivalenten Charaktere einem leicht durchschaubaren Gut-Böse-Schema angepasst und das gesamte Ballett auf die Dauer von einer Stunde beschränkt. Musikalisch ist von Strawinskys avantgardistischer Kompositionsform, mit der er vier Jahre später das Pariser Publikum aufs Tiefste verstören sollte, noch wenig zu ahnen. Plastisch und farbenfroh erzählt die Musik die Geschichte von den unsterblichen Zauberwesen und den sterblichen Menschen. Jede Sphäre hat dabei ihre eigene musikalische Ausdruckform – die magische Welt erzählt Strawinsky mit chromatischen, die menschliche mit diatonischen Melodien (hier finden sich auch deutliche Spuren russischer Folklore). Harmonisch und musikalisch orientiert sich der Komponist bei seinem ersten Ballett noch an seinem Lehrer Rimsky-Korsakoff, von dem er sich allerdings lösen wollte und auch bald lösen sollte. 1911 erstellte Strawnisky die fünfsätzige Suite, die ebenso groß besetzt war wie das Original. Erst für die Fassungen von 1919 und 1945 reduzierte er die Instrumentalisierung, vor allem in den Holzbläsergruppen. 

Die überaus erfolgreiche Uraufführung vom 25. Juni 1910 verhalf Igor Strawinsky zu internationaler Berühmtheit und begründete seinen Weltruhm als Ballettkomponist.  Djagelew und seiner Ballettgruppe galten seitdem nicht nur als wichtigste Repräsentanten zeitgenössischer darstellender Kunst Russlands in Westeuropa, sondern darüber hinaus als Wiege des modernen Tanzes.

Das Konzertprogramm wird im Teatro Comunale di Ferrara und in Bologna im Auditorium Teatro Manzoni aufgeführt. Ferrara ist seit 1998 Residenz des MCO in Italien, in Bologna ist das Orchestra Mozart seit seiner Gründung 2006 beheimatet. Die beiden Orchester spielen zum ersten Mal ein gemeinsames Projekt. Über das Konzertprogramm unter der Leitung Claudio Abbados können sie sich auf der Detailseiten vom 14. April 2011 informieren.

Interview Claudio Abbado
Residenza Italiana Mahler Chamber Orchestra



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17.04.2011