KKL Luzern

LUCERNE FESTIVAL //

Exzellenz und Exklusivität //

Während die meisten Orchestermusiker im August entweder noch im Urlaub weilen oder langsam wieder nach Hause zurückkehren, packen die MCO-Mitglieder ihre Kleider- und Instrumentenkoffer und treten von ihrem jeweiligen Heimatland aus die Reise Richtung Schweiz zum Lucerne Festival an. Rund drei Wochen verbringen sie in Luzern, oft in Begleitung ihrer Familien, meist ausgestattet mit Wanderstiefeln, um in den (sehr begrenzten) freien Stunden die Zentralschweiz zu erobern, immer aber in heller Vorfreude auf inspirierende und intensive Tage in einer einmaligen Festivalatmosphäre.

Seit 2003, als es von Claudio Abbado zum Herzstück des von ihm (wieder) ins Leben gerufenen Lucerne Festival Orchestra (LFO) bestimmt wurde, ist das MCO ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil des Luzerner Sommers. Das Lucerne Festival leistet sich seit 70 Jahren, die bedeutendsten Dirigenten, die hochkarätigsten Solisten und die besten Orchester einzuladen. Um den Künstlern und dem Publikum einen Raum zu geben, der ganz der Kunst gewidmet ist. Allein Lucerne Festival im Sommer präsentiert in jedem Jahr rund hundert programmatisch auf ein jährlich wechselndes Motto abgestimmte Sinfonie- und Chorkonzerte, Filmvorführungen, Kammermusikkonzerte und Künstlergespräche.

Die stark inhaltlich geprägte Ausrichtung erlaubt Festivalleitung und dem MCO die gemeinsame Entwicklung ambitionierter Programme und Programmlinien, die regelmäßig erfolgende Uraufführungen, konzertante Opern und, seit 2009, große Oratorien einschließen. Indem das überwiegend durch Kartenverkauf und Drittmittel finanzierte Schweizer Festival dem Anliegen des Orchesters, Programme zu spielen, die der Vielfalt und Nachhaltigkeit verpflichtet sind, vollständig entspricht, wurde es neben den Stammresidenzen Ferrara Musica in Italien und dem deutschen Bundesland Nordrhein-Westfalen zu einem seiner wichtigsten Partner.

Das MCO-Programm des Sommers 2010 macht dies deutlich. Unter dem Motto »Eros« werden musikalische Geschichten über glückliche und unglückliche, erfüllte und unerfüllte, heroische und tragische Liebe erzählt. Eröffnet wird das Festival mit Fidelio, Beethovens Hommage an Gattenliebe und Gattentreue, unter der Leitung von Claudio Abbado. Die Sängerbesetzung könnte kaum exklusiver sein: Für die Hauptrollen konnten Jonas Kaufmann und Nina Stemme verpflichtet werden, hinzu kommen Christoph Fischesser, Peter Mattei, Rachel Harnisch, Christoph Strehl und Falk Struckmann. Eine Aufnahme der konzertanten Aufführung ist geplant.

Das erste MCO-Sinfoniekonzert zeichnet eine programmatische Linie von Richard Wagner über Ernest Chausson und Gabriel Fauré hin zu Maurice Ravel. Die gespielten Stücke erzählen vor allem von unglücklicher Liebe und unerfüllter Sehnsucht, wie etwa Wagners Wesendonck-Lieder oder Faurés Pelléas et Mélisande. Dagegen setzen Ravels Vertonungen tradierter Volksmärchenstoffe in Ma mère l’oye Hoffnung und Erfüllung, vielleicht am schönsten symbolisiert durch das wachgeküsste Dornröschen. Kontinuität wird durch die Besetzung gewahrt: Mit Dirigent Matthias Pintscher traf das MCO zuletzt 2006 in Luzern zusammen, als das Orchester sein Transir für Flöte und Kammerorchester uraufführte.

Im Sommer 2009 spielte das MCO unter der Leitung von Daniel Harding Das Paradies und die Peri, Schumanns selten aufgeführtes Oratorium. Der Sommer 2010 setzt diese Linie fort, Mendelssohn-Bartholdys Elias steht auf dem Programm. Die überaus große Chor- und Orchesterbesetzung ließen Elias zu einem Stück für Musikfeste werden: Für die triumphale Uraufführung 1846 wurden 271 Chorsänger und 125 Orchestermusiker in einem Sonderzug von London nach Birmingham gebracht. Das Lucerne Festival präsentiert die Aufführung in einer Spitzenbesetzung: am Dirigentenpult Daniel Harding, auf dem Podest Julia Kleiter, Bernarda Fink, Michael Schade – und Thomas Quasthoff in der Titelrolle. Von Luzern reist die Produktion weiter zum Musikfest Bremen und nach Stockholm zum Baltic Sea Festival.

Für frei finanzierte Orchester wie das MCO ist die enge Verbindung mit in künstlerischer wie struktureller Hinsicht innovativen Veranstaltern wie dem Lucerne Festival eine wichtige Voraussetzung für die Verwirklichung der künstlerischen Ziele. Vor dem Hintergrund zunehmend auf Rentabilität ausgerichteter Kulturpolitik in einigen europäischen Ländern, die viele Veranstalter zu vermeintlich kostenneutralen, dafür künstlerisch wenig spezifischen Abspeckprogrammen zwingt, erscheint die konsequent auf Qualität und Exzellenz setzende Programmatik des Lucerne Festival als beharrliche Erinnerung an den eigentlichen Sinn künstlerischen Schaffens. »Kunst begreifen wir als freiheitliches Prinzip«, formuliert das Leitbild des Festivals. Aus Sicht des MCO könnte man ergänzen: »Und umgekehrt begreifen wir Freiheit als grundlegendes Prinzip unserer künstlerischen Arbeit.«

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