Welchen Moment mit dem Orchester wirst Du nie vergessen? Aix-en-Provence, 2005. Wirklich einer der fantastischsten Sommer meines Lebens. Mein erstes Projekt: sechs Wochen Mozartoper mit einem Orchester von diesem Kaliber im Süden Frankreichs, an den freien Tagen schwimmen im Mittelmeer, die Märkte, der Wein… Ich kann mich noch gut an die erste Probe erinnern, in der sich Chiara und Mizuho in der Overtüre abwechselnd kaskadenhafte Läufe lieferten und ich für einen Moment innehalten und einfach zuhören musste. Und lächeln. Ich war sofort infiziert.
Was brauchst du, um dich auf Tournee zu Hause zu fühlen? Ein Doppelbett, einen Fensterplatz, W-Lan, ein paar neue Episoden der Serie, nach der ich gerade süchtig bin, ein gut ausgestattetes Fitnesscenter und amerikanische Crunchy Erdnussbutter (nicht die Bio-Erdnussbutter, wo das Öl oben schwimmt, igitt!). Ich versuche immer noch, Monsieur Vuong dazu zu überreden, uns als Tourkoch zu begleiten. Es gibt Orte, an denen ich mich sofort zu Hause fühle – z.B. Tokio oder Luzern, Ferrara oder Madrid, oder sogar – erstaunlicherweise – Dortmund. Auf der anderen Seite, könnten Orte wie Bogotá oder Peking, egal was ich dort finde oder mitbringe, genauso gut auf dem Mars liegen.
Was ist der schwierigste Aspekt deines Jobs? Ehrlich gesagt, eine gesunde emotionale Distanz zu wahren. Es gibt eine erstaunliche Bandbreite an Dramen, wenn über 50 Menschen ein halbes Jahr miteinander verbringen. Man darf sich nicht wegen jeder Kleinigkeit streiten. Muss manche Dinge akzeptieren. Tief einatmen und weitermachen. Außerdem hasse ich Gruppenreisen, Gruppen Check-in, lange Warteschlangen, Verspätungen, Chaos…
Was ist das Beste daran, Musiker zu sein? Ich kann ganz ehrlich behaupten, dass ich mich fühle, als hätte ich nie gearbeitet. Beschreibe kurz, wie ein Konzerttag für dich aussieht? Ich habe keine Rituale. Der Tag ist wie jeder andere auch, nur dass ich um 20:00 Uhr irgendwo sein muss.
Wenn du ein anderes Instrument spielen könntest, welches wäre das? Klavier, keine Frage. Ich habe Unterricht genommen, als ich noch sehr jung war, habe aufgehört, als ich ein kleines bisschen älter war und bereue es heute. Vom Repertoire über das reine Klangvolumen, bis hin zu seiner Vollkommenheit: wie gerne würde ich nach einem langen Tag nach Hause kommen, mir einen Gin-Gimlet mixen und mich ans Klavier setzen, um eine Nocturne von Chopin zu spielen… eines Tags werde ich sicher wieder damit anfangen. Der inspirierendste Komponist: Bach. Mein Favorit. Seine Musik höre ich mehr als irgendeine andere. Letztes Jahr bin ich ungefähr 125,000 Meilen geflogen und Bach lief die gesamte Zeit auf meinem iPod. Das ist Bach fünf Mal rund um die Welt. Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst? Als ich etwa zehn Jahre alt war, dachte ich, ich möchte Kinderarzt werden. Ich war ein ziemlich gesundes Kind und zum Arzt zu gehen hat Spaß gemacht… Zeitschriften und Bilderbücher, coole Maschinen, im Mittelpunkt stehen, und beim Rausgehen etwas Süßes. Was gibt es da nicht zu mögen? Im College habe ich Filmproduktion studiert, obwohl ich nie die Absicht hatte, das professionell zu machen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt ist man einfach zu gut, um aufzuhören. Aber ich habe schon so meine Momente, wenn mir alles zu viel wird, ich entmutigt bin – meine ich-schmeiße-alles-hin-Fantasien. Aber ich habe einfach keine Idee, was ich stattdessen tun würde. Irgendwann werde ich lernen Möbel herzustellen – Stühle und Tische zu designen – das habe ich in den Genen. Außerdem werde ich eine Band gründen. Die simple Tatsache ist: ich habe keine Erinnerung an ein Leben, ohne die Geige. Worauf freust du dich zurzeit am meisten? Im Januar kehre ich zurück nach Berlin und habe eine längere Phase der Stabilität: um zu üben, zu lesen, neue Dinge zu entdecken, auszugehen, Freunde zu treffen, kochen, schwimmen, wieder zum Bykram Yoga zu gehen. Ich würde gerne boxen lernen. Und ich werde für mindestens fünf Wochen nicht durch die Sicherheitskontrollen am Flughafen gehen müssen. Ich kann es kaum erwarten.
Was machst du in deiner Freizeit? Ich habe viel zu viel gearbeitet seit Juli. Meine Freizeit sah im Grunde genommen so aus: am letzten Tag der Tour krank werden. Zurück nach Berlin kommen. Gesund werden. Wieder wegfahren. Das muss sich ändern!
BIOGRAPHIE Eoin Andersen ist ein Mitglied des Mahler Chamber Orchestra und des Lucerne Festival Orchestra. Als Stimmführer der Zweiten Geigen gastierte er bei den London Philharmonics, beim Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks, und beim Mahler, Zürich, und Australian Chamber Orchestra. Vom St. Paul Chamber Orchestra und dem Orchestra of St. Luke's, wurde er ebenso eingeladen, wie als Gaststimmführer des Swedish Radio Symphony Orchestra.
Als Solist spielte Eoin Andersen mit dem Milwaukee Symphony Orchestra (Sibelius), dem Concord Chamber Orchestra (Saint-Saens), dem Ottumwa Symphony (Tschaikowski) und dem Menomonee Falls Symphony (Bruch) sowie bei weiteren amerikanischen Ensembles.
Als Kammermusiker und Solokünstler gab Andersen Konzerte in New York, Chicago, Philadelphia, Houston, Los Angeles, Minneapolis, Milwaukee, Palm Beach, am Interlochen Center for the Arts, beim Aspen Music Festival, in der Ozawa Hall in Tanglewood, beim Gubbio Festival in Italien, und im Rahmen einer vom Pacific Music Festival gesponserten Japantournee. Er tritt regelmäßig bei Festivals auf, zuletzt beim OK Mozart Festival, beim Bellingham Music Festival, dem Cabrillo Music Festival in Kalifornien, Floridas Sarasota Festival, und bei der Classical Winter Series in Israel.
Als ehemaliges Mitglied des Mark Morris Dance Group Music Ensembles, spielte er unter anderen Bartoks Viertes Quartett (All Fours) und Schumanns Klavierkonzert Nr. 5 choreographiert von Mark Morris in ganz Amerika sowie in England, Schottland und Wales.
Ein weiteres spannendes Projekt war die Rolle der Solovioline in Bright Sheng und David Henry Huangs Kammeroper The Silver River am Prince Music Theater in Philadelphia. Außerdem spielte er die Solovioline in der Broadwayproduktion von Cabaret und fungierte als Musikberater bei den Filmen Fine Tuning, the Pacific Music Festival Experience, und Bravo Televisions The Art of Influence. Aufnahmen von Eoin Andersen gibt es bei NPR, NHK und bei Dreamworks und ABC television.
Eoin Andersen begann seine musikalische Ausbildung im Alter von fünf Jahren. Seine wichtigsten Lehrer waren Noraleen Retinger, Lucia Lin, David Taylor, Efim Boico, und Nadja Salerno-Sonnenberg. Er gewann den Leonard Sorkin Violinwettbewerb und bereits zwei Mal den The Schubert Club-Wettbewerb und wurde von der National Foundation for Advancement in the Arts ausgezeichnet. Er studierte Filmproduktion an der Universität New York, wo er im Jahr 2000 sein Studium abschloss. Lesen Sie hier Eoins Tour Diary Eintrag
EOINS AUFTRITTE MIT MAHLER CHAMBER SOLOISTS
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