Abu Dhabi
05 Mä / Fre    20:00
Al Jahili Fort in Al Ain (open air)
Al Ain / Abu Dhabi Classics / Al Ain Classics Festival / tel +97150 1233674 / abudhabiclassics@triad.de / www.abudhabiclassics.com

Leonard Bernstein Candide Ouvertüre
George Gershwin Rhapsody in Blue (Jazz Band Version)
Antonín Dvorák Sinfonie Nr. 9 in e-Moll op. 95 »Aus der neuen Welt«
Dirigent Daniel Harding / Klavier Fazil Say


Stationen Amerikanischer Musikgeschichte unterm arabischen Sternenhimmel – All that’s Jazz?

In der Oasenstadt Al Ain, der „Gartenstadt des Arabischen Golfs“, wurde 1898 von Scheich Zayed das Al Jahili Fort erbaut, eines der heutigen Wahrzeichen der Stadt. Hier finden im Rahmen der Abu Dhabi Classics seit 2008 sowohl Kammermusik- als auch sinfonische Konzerte statt. Zu den europäischen Gästen der Saison 2008/09 zählten unter anderem Cecilia Bartoli, Bobby McFerrin, Lorin Maazel und das Orquesta de la Comunitat Valenciana sowie Zubin Metha mit dem Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino. Das Fort mit seinen Freilichtspielstätten gilt als eine der anerkannt schönsten und atmosphärischsten Aufführungsorte weltweit. Abu Dhabi Classics kooperiert mit dem arabischen Al Ain Classics Festival, das 2001 gegründet wurde und sich den interkulturellen Austausch zwischen Orient und Okzident auf die programmatischen Fahnen geschrieben hat. Das Festival findet jedes Jahr im Frühjahr statt, hier treffen arabische und europäische Künstler von internationalem Rang aufeinander, um Schauspiel, Oper, Kammermusik und sinfonische Programme zur Aufführung zu bringen.

Am 5. März gibt das MCO sein Debüt-Konzert in den Emiraten im Al Jahili Fort unter freiem Himmel. Daniel Harding leitet das Konzert, als Solist wird der türkische Pianist Fazil Say zu erleben sein. Das Konzertprogramm zeigt mit Werken von Leonard Bernstein, George Gershwin und Antonín Dvoráks Neunter Sinfonie spannende und entscheidende Stationen der Amerikanischen Musikgeschichte – einem wahren Kaleidoskop aus Europäischen Musiktraditionen, Volks- und Unterhaltungsmusik der Einwanderer und der amerikanischen Urbevölkerung.

Antonín Dvorák nahm in seine Kompositionen folkloristische Elemente seiner böhmischen Heimat auf und verarbeitete diese zu hoch artifiziellen Kunstwerken. Zusammen mit Smetana zählt er zu den wichtigsten Komponisten der tschechischen Musikgeschichte und trug die im 19. Jahrhundert wiederauflebende tschechische Musiktradition in die Welt hinaus. Dieser Ruf sorgte 1891 dafür, dass ihm die Leitung des New Yorker National Conservatory of Music angeboten wurde, eine Institution, die es sich auf die Fahnen geschrieben hatte, eine eigenständige U.S.-amerikanische Musikkultur ins Leben zu rufen und sich somit „unabhängig“ von den europäischen Kompositionen zu machen. Von Dvorák erwartete man nicht weniger als „to add the new world of music to the continent which Columbus found“, so der Musikmäzen Thomas Wentworth Higginson. Dvorák nahm diesen Auftrag überaus ernst und studierte die Musik der amerikanischen Ureinwohner sowie der schwarzen Bevölkerung, soweit Materialien dazu vorlagen. Was nicht schriftlich aufzufinden war, ließ er sich vorsingen. In der Neunten Sinfonie, der ersten seiner in Amerika entstandenen Komposition, verwendete er keine der gehörten Melodien, verarbeitete jedoch eine Reihe von ihm als charakteristisch für amerikanische Folklore ausgemachten Merkmale: pentatonische Wendungen, erniedrigter Leitton, rhythmische Synkopierungen. Der Erfolg der am 16. Dezember 1893 uraufgeführten Sinfonie war enorm, die Kritik vereinnahmte sie umgehend als „amerikanische Sinfonie“, und die New York Times urteilte: „Die Sinfonie „Aus der Neuen Welt“ ist eine Studie nationaler Musik. Eine Lehre für die amerikanischen Komponisten“.

Die Suche nach einem authentischen musikalischen Ausdruck ihrer Nation ging für die Amerikaner noch eine ganze Zeitlang weiter – bis mit George Gershwin endlich der ersehnte identitätsstiftende Komponist auftrat. Der Sohn russischer Einwanderer, der 1898 in New York geboren wurde, hat es wie kein zweiter verstanden, den Jazz als Ausdruck uramerikanischen Seins in seine Kompositionen einzubinden, auch wenn diese im „Klassischen“ beziehungsweise in der sogenannten E-Musik angesiedelt waren. Seine erste musikalische Profession führte ihn ins Mekka der New Yorker Unterhaltungsbranche: er startete seine Karriere als Songarrangeur in der „Tin Pan Alley“ - wo im wahrsten Sinne des Wortes Mu­sik­geschichte geschrieben wurde. Die Tin Pan Alley hieß eigentlich schlicht 28th Avenue und lag direkt hin­ter dem Broadway. Dort siedelte sich gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein Großteil der amerikani­schen Musikverlage an. Der Spitzname (übersetzt: „Allee der Blechpfannen“) wurde angeblich von Mon­roe H. Rosenfeld geprägt und beschreibt die Geräuschkulisse der Straße, die weniger durch Autolärm als viel­mehr durch Klavierspiel aus den umliegenden Büros geprägt war. Gershwin tat sich neben seinen Arrangements sehr bald als Songkomponist hervor, parallel studierte er die klassische Klavierliteratur von Bach bis zu den Spätromantikern. Besonders stark beeinflussten ihn die französischen und in Frankreich lebenden Musiker seiner Zeit: Ravel, Milhaud, Poulenc und Strawinsky.

Rhapsody in Blue komponierte Gershwin 1924, beinahe gegen seinen Willen, nach einer Idee des Dirigenten Paul Whiteman. Dieser hatte ihm vorgeschlagen, ein sinfonisches Werk zu komponieren, das volkstümliche Musik unter Anlehnung an den Jazz in sich aufnehmen sollte. Gershwin fühlte sich zunächst außerstande, das Angebot anzunehmen, erfuhr allerdings kurze Zeit später aus dem Herald Tribune von der angekündigten Uraufführung seiner „Symphonic Jazzwork“ in der Aeolin Hall in New York. Er gab Whiteman schließlich nach, nicht nur, weil er unter Druck gesetzt wurde, sondern, wie aus einem seiner Aufsätze hervorgeht, weil es ihn reizte Musik zu schreiben, die man sofort als amerikanisch erkennen konnte, Musik, in der sich seine Landsleute wiederfanden, in der sich das Leben im Schmelztiegel Amerika ausdrückte – kurz: er wollte seinem Land einen eigenen, unverwechselbaren musikalischen Ausdruck verleihen. Als prägendes Element amerikanischer Musik hat auch er den Jazz ausgemacht: „Jazz ist das Ergebnis der in Amerika aufgespeicherten Energie (…) Der Jazz hat dem Land Amerika einen bleibenden Wert beigesteuert, in dem Sinn nämlich, dass er uns selbst Ausdruck verliehen hat.“

Die Rhapsodie kam in ihrer formalen Gesetzlosigkeit Gershwins Vorhaben am besten entgegen. Er komponierte eine Fassung für zwei Klaviere, die von Ferde Grofé orchestriert wurde. Die einsätzige Komposition beginnt mit der berühmten Klarinetteneinleitung (an der der Klarinettist der Uraufführung zu verzweifeln drohte), auf die das Klavier mit einem unruhigen Thema antwortet, das sich durch die gesamte Partitur zieht. Orchester und Pianist stellen in einem facettenreichen Wechselspiel das zweite Hauptthema vor, darauf folgt der stark bluesgeprägte Mittelteil und schließlich mündet das 15minütige Werk in einem rasanten, von häufigen Tempowechseln und staccato-geprägten Solo-Passagen bestimmten fulminanten Schluss. Die Uraufführung 1924 wurde ein triumphaler Erfolg mit Gershwin am Klavier und Paul Whiteman auf dem Dirigierpult. Für den Komponisten führte sie zu internationaler Popularität und legte den Grundstein für seinen Ruf als wichtigster amerikanischer Komponist des 20. Jahrhunderts.

In Al Ain wird Rhapsody in Blue (der impressionistisch anmutende Titel geht auf Ira Gershwin zurück) von Fazil Say interpretiert, mit dem das MCO seit 2008 regelmäßig auftritt. Says Leidenschaft für Jazz und Improvisation führte ihn mehrmals als Solist, Teil des „Worldjazz“-Quartetts und als Leiter des Klavierwettbewerbs zum Jazz-Festival in Montreux.

Über die korrekte Bezeichnung von Leonard Bernsteins Candide scheiden sich die Geister. Aber ob man es nun Musical, Operette oder komische Oper nennt, ändert nichts an der besonderen Qualität des Werkes, in dem der Komponist höchst originell und mit einem hohen Maß an musikalischem Witz ein Kaleidoskop aus quasi allen relevanten Musikstilen und –genres erschaffen hat: Bach-Choräle werden ebenso zitiert wie die großen Opern Wagners, Verdis oder Puccinis, aus der Operette übernahm Bernstein den beseelten Schwung Offenbachs und die Walzerseeligkeit von Johann Strauß. Und selbstverständlich flossen reichlich zeitgenössische Musical- und Jazzrhythmen ein. Bernsteins Musik spiegelt den satirisch-bissigen Witz der literarischen Vorlage Voltaires auf raffinierte Weise wider, ein Kunstgriff, der seiner Librettistin Lillian Hellman nicht gelang. Als Candide 1956 am Broadway uraufgeführt wurde, konnte das Stück zunächst nicht an den Erfolg von On the Town oder Wonderful Town anknüpfen. Erst 1974, nachdem Hugh Wheeler das Libretto zur Gänze umgearbeitet und Stephen Sondheim neue Gesangstexte hinzugefügt hatte, trat Candide seinen Triumphzug am Broadway an, und brachte es dort auf 740 Vorstellungen.

Das MCO wird zu dieser Gelegenheit übrigens zum zweiten Mal in die Wüste geschickt: Im Februar 2008 gastierte das Orchester beim Eilat International Chamber Music Festival im Süden der Wüste Negev am Roten Meer.


Erfahren Sie mehr über das MCO und die Festivals:
Das ganze Jahr Festival



Speichern Sie diesen Termin in Ihrem Kalender:
05.03.2010
Zurück
Home
Deutsch