Nach meinem PR-Praktikum beim MCO war es für mich eine große Freude das Orchester, das mir in den letzten sieben Monaten sehr ans Herz gewachsen ist, auf Tour nach Israel zu begleiten. Für mich ist Israel ein besonderer Ort: Ein Teil meiner Familie lebt hier und ich habe von klein auf jedes Jahr einige Wochen hier verbracht und das Land für seine gewisse Ausgelassenheit und multikulturelle Lebensfreude liebgewonnen.
Nach langer nächtlicher Fahrt durch die Negev-Wüste erblicken wir etwa fünf Stunden nach unserer Abfahrt vom Flughafen Tel Aviv in der Ferne plötzlich Lichter, Hotels – Eilat, den südlichsten Zipfel Israels. Als wir müde, aber sehr froh, endlich am Ziel zu sein, aus unserem Bus aussteigen, werden wir von den Mitarbeitern des Eilat Chamber Music Festivals in Empfang genommen. Dessen künstlerischer Leiter Leonid Rozenberg wirkt etwas verschüchtert, aber lächelt glücklich über unsere Ankunft.
Bist Du denn auch glücklich, dass das MCO nach Israel gekommen ist, will ich von Gregory (Grisha) Ahss – dem israelischen Konzertmeister des MCO – wissen. Wir sitzen auf der Terrasse unseres Hotels und blicken auf den von Palmen gesäumten Pool. Die Sonne scheint, und das deutsche Schmuddelwetter scheint mir in diesem Moment ganz weit weg. „Ob ich glücklich bin?“, lacht Grisha, „Natürlich!“ Es sei ein interessantes und ungewöhnliches Gefühl, die Kollegen, mit denen er so unglaublich viele Orte bereist habe, in seinem Heimatland zu sehen. An einem Ort, an dem er normalerweise gar nicht mit ihnen rechne. „Und wo sie jetzt hier sind, fühle ich mich sogar etwas für sie verantwortlich“, erklärt er mir mit ernster Miene.
Zum ersten Mal leitet Grisha das Orchester und mich interessiert, wie ihm das gefällt. „Es ist schon eine besondere Situation. Da wir keinen Dirigenten haben, übernimmt jedes Orchestermitglied beim Spielen ein hohes Maß an Verantwortung. Wenn plötzlich jeder das Orchester gleichberechtigt mit trägt, nimmt man das Zusammenspiel ganz anders wahr. Das ist großartig.“
Das Programm der Streicherbesetzung ist mit Stücken von Gil Shohat, Menachem Wiesenberg und Max Bruchs „Kol Nidrei“ eindeutig auf Israel fokussiert. Grisha sagt mir jedoch, dass er Musik ungern in nationale Schubladen steckt. Ihm kommt es vor allem auf die Qualität an. Er erklärt mir, das Orchester spiele immer gerne gute Stücke, das sei das wichtigste Auswahlkriterium. „Und außerdem ist es doch eine sehr nette Geste Israel gegenüber, Werke zu spielen, die dem Land entspringen und von ihm oder seiner Kultur inspiriert wurden.“
Aus den Augenwinkeln sehen wir den Bus um die Ecke fahren, der das Orchester zur Generalprobe bringen soll. Ich habe gerade noch Gelegenheit, meine letzte Frage loszuwerden. „Meinst Du, Israel gefällt dem Orchester“, frage ich ihn. „Na klar – ich glaube sogar, sehr gut!“, antwortet er ohne zu zögern. „Das Wetter ist spitze, die Leute sind sehr nett und die Arbeit mit Misha Maisky macht großen Spaß. Ich hoffe, das MCO kommt wieder!“