Diese Tour war – zumindest aus PR-Sicht – eine der vielseitigsten, die ich mit dem MCO in den letzten Jahren gemacht habe. Ein langes Projekt war es sowieso, Anreisetag war der 15. Oktober, Abreisetag der 1. November. Während dieser Zeit spielte das Orchester an fünf verschiedenen Orten (in drei Ländern) sieben Sinfoniekonzerte mit drei unterschiedlichen Programmen, sowie ein Kammerkonzert. Dies bedeutet ganz praktisch: vier Veranstalter, fünf Spielorte, drei Dirigenten und ungefähr 20 Stücke, die Zugaben mitgerechnet; von Beethoven und Mozart über Brahms, Schostakovitsch und Ravel, bis hin zu Glinka, Poulenc und Saint-Saëns. Dabei wechselten, zumindest für die Sinfoniekonzerte, noch die Orchesterbesetzungen, so dass von Anfang bis Ende ungefähr 70 Musiker an der Tour beteiligt waren.
Alles begann in Ferrara, der zauberhaften Renaissancestadt in Oberitalien, die dem MCO seit über zehn Jahren eine Heimat gewährt. Zumindest an einigen Wochen im Jahr. Neben den drei Sinfoniekonzerten im Teatro Comunale, die die Konzertsaison in Ferrara eröffneten, gab es diesmal noch ein Kammerkonzert der besonderen Art. Ein Teil der Bläser spielte ein wunderbares Programm (Mozart, Glinka, Poulenc und etwas Klezmermusik) im Torione, dem Jazzclub in Ferrara. Geplant war außerdem ein weiteres Kammermusikkonzert anlässlich der Semstereröffnung an der Universität von Ferrara, aber da heftige Studentenproteste angekündigt waren, hat der Rektor der Uni vorsichtshalber abgesagt. (Ich war als Gast zu der Eröffnung eingeladen, ein recht bizarres Ereignis, das einen eigenen Eintrag verdiente!). Weil Ferrara ein Stück Heimat ist und über eine wunderschöne Altstadt verfügt, ist die Stadt die ideale Kulisse für Orchesterphotos - und so versammelten wir das Orchester an einem sonnigen Nachmittag an der Rathaustreppe, um vor historischer Kulisse einen Moment im Orchesterleben festzuhalten.
Nach der obligatorischen Abschiedsfeier im Restaurant Settimo ging es am Tag nach dem letzten Konzert in aller Herrgottsfrühe weiter nach Köln, wo das Orchester am Abend in der Philharmonie spielte. Da der Tag hauptsächlich für die Anreise draufging, gab es hier wenig „Zusätzliches“, außer ein paar Meetings mit einigen Kölner Journalisten. Das sollte sich in Griechenland, wo wir das erste Mal spielten, erheblich ändern! In Thessaloniki erwartete uns die frohe Botschaft eines Generalstreikes. Ob wir rechtzeitig oder überhaupt am nächsten Tag nach Athen würden weitereisen können, war zunächst völlig unklar. Schließlich stand irgendwann immerhin fest, dass unser Flieger definitiv nicht starten würde. Meine Kolleginnen vom Projektmanagement, die die Tourneen von A bis Z organisieren, verbrachten den Tag zu 99% am Telefon, um nach einer Alternative zu suchen. Die wurde dann auch gefunden: Abreise vom Hotel in Thessaloniki am nächsten Morgen um 4.30 Uhr. Morgens. Derartige Horrormeldungen werden im MCO von einem Vertreter der sogenannten Discipline Group verkündet, in der Regel vor der Anspielprobe, wenn alle Musiker beisammen sind. Ich werde Michiel Commandeurs Gesicht, dem diese undankbare Aufgabe zufiel, als er vor dem Orchester stand nie vergessen! Aber offenbar war die Nachricht so schockierend, dass sich am anderen Tag alle pünktlich am Bus einfanden.
Und dann landeten wir endlich todmüde am Morgen des 30. Oktober in Athen, wo wir von Leonidas Ntilsizian, einem Journalist der Zeitschrift Kathamirini empfangen wurden, der anlässlich unseres Athendebüts ein Portrait über das MCO schreiben wollte. Wir hatten in den letzten 24 Stunden unentwegt SMSe hin und hergeschickt, um trotz Generalstreik und Übermüdung ein Gruppeninterview und ein paar Photographiergelegenheiten für ihn zu organisieren. Jetzt saß er als einzig Ausgeschlafener in einem Bus voll todmüder Musiker, war aber fasziniert von der Gesamtsituation. Nachdem im Hotel alle aus einem komatösen Tiefschlaf erwacht waren, traf sich eine kleine Gruppe von uns am frühen Nachmittag mit dem geduldig wartenden Leonidas zum Interview in der Lobby. Er begleitete uns am Abend auch zum Konzert, sein Kollege fotografierte unentwegt Musiker, Instrumente und Bühnentechniker – kurz, sie sammelten allein an diesem ersten Tag genug Material für ein ganzes Buch. Auch Tags darauf waren sie mit von der Partie, als eine – diesmal etwas größere – Gruppe einen Ausflug zur Akropolis machten, und natürlich auch beim Abschiedsessen in einem wunderbaren Lokal, dass eine unserer Musikerinnen organisiert hatte. Wunderbar – am späten Abend des 31. Oktober in einem lauschigen Gartenlokal zu sitzen, und eine ereignisreiche Tournee Revue passieren zu lassen.
Das absolute PR-Highlight waren jedoch die Dreharbeiten zu einer Serie der Deutschen Welle (TV) über das MCO auf Tournee. Ein Team von drei Leuten rückte bereits in Ferrara an, um den Musikern, Daniel Harding, Christian Tetzlaff und uns vom Management für die nächsten zehn Tage auf unserer Reise nicht von der Seite zu weichen. Obwohl wir den verantwortlichen Redakteur kannten, waren wir doch sehr gespannt, wie sich Orchestermusiker und Fernsehleute während einer Tournee vertragen würden; wir haben immer mal wieder einen begleitenden Journalisten auf einem Projekt dabei, aber ein Fernsehteam, das es sich zur Aufgabe gesetzt hat, das Leben der Musiker auf Tour zu filmen, ist dann doch etwas anderes. Um es vorweg zu nehmen: es klappte wunderbar! Zu Beginn wurde noch gewitzelt, wann der erste Kameramann wohl aus der Basskiste springen, oder unversehens im Badezimmer auftauchen würde, später fragten mich immer mehr Musiker, ob wir so etwas nicht öfter machen könnten.
An dieser Stelle noch mal ein ganz herzliches Dankeschön an Chiara, Martin, Jaan, Michiel, Aglaja, Daniel Harding, Christian Tetzlaff und alle anderen, die sich so aktiv an dem Film beteiligt haben!
Der Beitrag ist übrigens auf unserer Website bei "Listen & watch" einsehbar!
14 Mai 2009 / 00:39 / comment by Ingeborg Loos
Ich war zufällig in Ferrara, hörte "mein" Orchester mit Nézet-Séguin und französischen Kompositionen, hörte von Frau Kerner entsetzt von dem drohenden Streik in Athen, reiste nach Köln zurück, um für jeden eine Philharmonie-Praline in der Bar als Stärkung für die zu erwartenden Strapazen in Athen zu hinterlegen, freute mich darüber das wiederum fulminante Konzert in meiner "Heimatphilharmonie", lese bestürzt, dass Athen wohl eine große Strapaze für alle Beteiligten war, aber auch ein schöner Erfolg. Nun sehe ich mit Vorfreude dem konzertanten Freischütz am 16.5. entgegen und hoffe viele von Ihnen und Freunde dort zu treffen, wenn mir auch Daniel Harding fehlen wird. Ihre Ingeborg Loos