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Konzert   Oper   
14 July 2010 / 10:29 

By: Andreas Klein, Principal Trombone



Eigentlich interessiere ich mich kaum für Fußball. Die wöchentliche Bundesligaberichterstattung lässt mich kalt, doch alle vier Jahre zieht mich die WM in ihren Bann...

Die beiden unmittelbar aufeinander folgenden MCO Projekte in Baden-Baden und Kalište „bei“ Prag waren in mehrfacher Hinsicht außergewöhnlich für uns: ein Wolkenbruch in Tschechien, ein Autocorso im sonst so ruhigen Baden-Baden, noch dazu ein Geigengipfel und mehrere Fernsehteams... Aber nun der Reihe nach:

Schon kurz nachdem der „Infoletter Baden-Baden“ bei uns wie immer einige Tage vor der Anreise per Mail eingegangen war, meldete sich eine nicht zu unterschätzende Anzahl von Musikern im MCO-Büro in Berlin, um ihrer Panik darüber Ausdruck zu verleihen, dass man bei der Probendisposition offensichtlich vergessen hätte, die Viertel- und Halbfinalspiele der WM zu berücksichtigen. (Auch der Autor dieses Berichtes bekennt sich hiermit zu seiner Anfrage).

Man wollte uns nicht zu viel versprechen, doch wir sind hoffnungsfroh nach Baden-Baden angereist. Am Abend des Anreisetages diskutierten wir dieses Problem natürlich ausführlich im „Leo's“, einem Bistro, das sich im Laufe der Jahre zum inoffiziellen MCO-Stützpunkt entwickelt hat.

Andreas Mölich-Zebhauser, Intendant des Baden-Badener Festspielhauses, hatte die drei jungen Geigenvirtuosinnen Baiba Skride, Alina Pogostkina und Lisa Batiashvili zum musikalischen Kräftemessen an die Oos eingeladen, wir waren für die Ouvertüre und den begleitenden Orchesterpart verantwortlich.

Es war heiß und sehr drückend in Baden-Baden, doch wir frohlockten, denn durch zähe Verhandlungen mit dem Kamerateam und geschicktes zeitliches Manövrieren war es Aglaja, unserer Project Managerin, tatsächlich gelungen, den Ablauf so zu gestalten, dass die WM-Junkies wenigstens die zweite Halbzeit der Spiele von Holland und Deutschland sehen konnten. In der Cafeteria auf dem Dach des Festspielhauses war der Bildschirm zwar nicht groß, doch es herrschte eine ausgelassene Stimmung, was bei diesen beiden Spielen nicht überrascht. Gänzlich baff waren wir allerdings, als wir nach der Probe auf der wohltemperierten Bühne zwei Stunden nach dem deutschen 4:0 gegen Argentinien die Stadt in einem schwarz-rot-goldenen Freudentaumel wiederfanden. Ein Autocorso im beschaulichen Baden-Baden (!!!), der gut und gerne auch als ein brasilianischer hätte durchgehen können, wären die Fahnen und Farben gelb-grün gewesen.

Unser Konzert dann, den Geigengipfel können Sie bald auf Arte verfolgen, oder waren Sie sogar selbst da? Wir jedenfalls hatten Freude dabei, auch wenn das Konzert tatsächlich dreieinhalb Stunden dauerte. An diesem Abend war in Südafrika spielfrei...

Während sich Baden-Baden nach den vielen Konzerten und Opernaufführungen der letzten Jahre für uns sehr vertraut anfühlt, war die fürs Fernsehen produzierte Mahler-Gala im tschechischen Dorf Kalište, dem Geburtsort Gustav Mahlers, Neuland für das Orchester und ein Sprung ins kalte Wasser, und zwar beinahe buchstäblich.

Da es sich bei Kalište tatsächlich um ein kleines Dorf handelt, waren wir in Prag untergebracht und hatten dort schon am Tag nach dem Gipfel die erste Probe in einem Probenstudio der Oper mit neuem Dirigenten, neuen Solisten und – klar – neuem Programm. Die „Mahler-Gala“ sollte genau 150 Jahre nach Mahlers Geburt an eben diesem Ort aufgezeichnet werden. Die Produktionsfirma hatte keine Mühen gescheut: da es in dieser Ortschaft natürlich keinen Konzertsaal gibt, wurde eine große Open Air-Bühne errichtet, die ganze Infrastruktur für ein Konzert musste aufgebaut werden, für die bestimmt 350 Mitwirkenden (Musiker, Sänger, Chor, Techniker, Kameraleute etc.) und die Zuhörer, die auch aus Prag erwartet wurden. Die bekannten Mahler-Interpreten Anne-Sophie von Otter und Thomas Hampson wurden ebenso verpflichtet wie der Dirigent Manfred Honeck, der Philharmonische Chor aus Prag und ein Knabenchor. Nach der ersten Nacht in Prag saßen wir also  erwartungsvoll im Bus, der uns in knapp zwei Stunden zum Austragungsort – nein Verzeihung – zum Konzertort bringen sollte und waren gespannt. Gespannt darauf, ob das Wetter denn halten würde. In Prag hatte sich der Regen schon mit einigen Tropfen angekündigt, doch in Kalište ließ er sich Zeit, bis wir zur Probe alle auf der Bühne saßen.

Die energische Produzentin hatte uns zuvor mehrmals eindringlichst versichert, dass es nicht regen werde. Man war sich dessen sogar so sicher, dass man die Bühne seitlich gar nicht erst abschirmte. Leider hat sich diese Prognose nur für den Konzerttag bewahrheitet, nicht jedoch für unseren ersten Probentag an der frischen Luft. Die Probe sollte gerade beginnen, als sich die Schleusen des Himmels öffneten und ein böiger Wind den Regen seitlich auf die Bühne wehte. Als Posaunist muss ich mir zum Glück in solchen Fällen keine großen Sorgen wegen meines Instrumentes machen, doch ich konnte heftigst mit den Geigern, Bratschisten, Cellisten etc. mitfühlen, die sich, um ihre empfindlichen Instrumente zu retten, in der Mitte der Bühne versammelten.

Was für ein Glück! Keine Instrumente sind zu Schaden gekommen, auch dank des beherzten Eingreifens unseres Orchesterwartes, der den größeren Instrumenten Plastikfolien übergeworfen hatte und unserer Damen des MCO-Staffs, die schnell durch den Regen die Instrumentenkästen herbeigeschafft hatten.

Die Probe schließlich wurde nach Abebben der Wasserfluten um eine Stunde verschoben, damit die Bühne wieder trockengelegt und hergerichtet werden konnte. Leider kam mit dem Wolkenbruch auch ein Temperatursturz und wir mussten die vorher eiligst ausgeteilten Einmalregenüberhänge und die Wolldecken aus dem Instrumentenlastwagen gegen die Kälte überziehen. An eine Durchlaufprobe in Konzertkleidung für die Kameras war an diesem Tag nicht mehr zu denken!

Gerne wärmten wir uns nach der Probe in der einzigen Kneipe der Ortschaft auf, und wurden fürs Frieren entlohnt, da wir den holländischen Sieg gegen Uruguay dort sehen konnten.

Am Konzerttag nutzte ich das endlich wieder gute Wetter zu einem ziellosen Stadtbummel durch das schöne Prag. Die Busse fuhren erst um 16 Uhr zu Anspielprobe und Konzert. Ich traf auf eine Gruppe spanischer MCO-Musiker, mit denen ich während des Mittagessens über das Spiel des heutigen Tages (Spanien-Deutschland) debattierte, das leider zeitgleich mit unserem Konzert stattfinden sollte. Egal wie es denn ausgehen würde: „We stay friends!“

Die Mahler-Gala wurde in Deutschland übrigens am 11. Juli ausgestrahlt, am Tag des Finales in Südafrika. Dieses Mal hatte es fast hingehauen. Da hat jemand wohl aufgepasst. Das Spiel begann um 20:30, da war die Konzertübertragung fast zu Ende.

Nur, was sich nach dem Konzert herausstellte: das Finale sollte ohne deutsche Beteiligung sein! Der Verfasser war nahezu untröstlich und musste sich im Bus nach dem Konzert und dem Spiel als guter Verlierer beweisen: „We stay friends“...

Trotzdem: ich werde mich gerne an beide Projekte erinnern.

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