Ferrara – so viele Geschichten hatte ich gehört aus dieser Stadt, die vom MCO immer wieder als eigentliche „Heimat“ bezeichnet wird. Vom wunderschönen Theater, vom fantastischen Essen, von einer sehr berühmten Bar namens Settimo… Jedes Mal, wenn mir jemand eine Ferrara-Anekdote erzählte, und ich daraufhin sagte, ich sei noch nie in Ferrara gewesen, wurde ich ganz erstaunt, wenn nicht gar schockiert angeschaut. „Was? Noch nie in Ferrara?!“ Jawohl. So war das. Aber jetzt nicht mehr! Ich freute mich ausserordentlich, als ich vernahm, dass mein offizieller Arbeitsbeginn beim MCO in Ferrara stattfinden würde. Seit ich das MCO als Praktikantin vor mittlerweile vier Jahren kennen gelernt hatte, liess mich dieses Orchester nie mehr los – nirgends sonst habe ich so mitreissende Konzerte erlebt und auf so engem Raum so viele spannende Leute aus aller Welt kennen gelernt. Dass ich nun fest beim MCO arbeite, ist für mich wirklich ein Traum, der wahr geworden ist…
Also: Ferrara. Das Orchester war bereits seit einem Tag hier, als ich ankam – diejenigen, die das Kammermusikkonzert spielten, sogar schon seit zwei Tagen. Es war dunkel, aber noch ziemlich warm. Viel wärmer als in Berlin, wo ich zum Anfang der Woche während drei Tagen im MCO-Büro in meine zukünftige Arbeit eingeführt worden war, und auch wärmer als in Bern, meinem bisherigen Wohnort, von woher ich nun per Zug anreiste. Merit teilte mir mit, dass die Probe bereits zu Ende sei, und ich mich dem Apéro in der Innenstadt anschliessen solle. Bereits auf diesem ersten Weg konnte ich mich vergewissern: Ferrara ist tatsächlich eine wunderschöne Stadt! Prächtige Architektur, gemütliches Kopfsteinpflaster, gut gelaunte Leute auf der Strasse…und da waren sie auch schon, die Leute vom MCO! Ich hatte also das Vergnügen, meine allerersten Stunden in Ferrara wie folgt zu verbringen: Mit vielen bekannten und vielen neuen Gesichtern beim Aperol Spritz (DAS trinkt man in Ferrara) und anschliessendem Essen im Frantoio (DORT isst man in Ferrara) und anschliessendem Apérol Spritz im Settimo (sowieso: THE place to be!). Fast zu schön, um wahr zu sein!
Sogar noch besser wurde es am nächsten Morgen, als die Musik dazukam. Schuberts „Unvollendete“ mit Fabio Luisi, der das MCO mit diesem Projekt zum ersten Mal dirigierte. Konzentration, eine geheimnisvolle Energie und unglaubliche Klangschönheit – alles war sofort da, als Luisi seinen Taktstock hob und das Orchester kaum hörbar einsetzte. Ein Gänsehaut-Moment! Auf Zehenspitzen schlichen wir weg von der Probe, hinter die Bühne in das improvisierte Büro zu einem Meeting. Laptops, Kabelgewirr, gestapelte Reisekisten mit dem Büromaterial für die Tour, dazwischengequetscht ein Sofa, und aus dem Lautsprecher über der Türe leise die Übertragung des Geschehens auf der Bühne – da war sie wieder, diese einzigartige MCO-Stimmung. Ich liebe sie! Wir alle lieben sie. Und deshalb ist es so schön, bei diesem Orchester und in diesem Team zu sein.
Die Tage waren ausgefüllt mit Besprechungen, Planung der nächsten Ferrara-Projekte, und mit einem TV-Team, das eine Dokumentation über das MCO drehte. Für mich gab es viele neue Einblicke in die MCO-Welt. Und natürlich am Abend: Die Konzerte! Ich finde, das Beste, was in einem Konzert passieren kann, ist, dass sich die Zeit irgendwie aufhebt – einerseits bleibt sie stehen, andererseits fliegt sie viel zu schnell vorbei… Beim MCO geschieht das eigentlich immer, so auch auf dieser Tour. Sowohl beim Kammermusikkonzert im Jazzclub Torrione als auch am nächsten Abend im Teatro Comunale hätte ich noch stundenlang weiterhören können. Und ich war nicht die einzige, wie aus dem Applaus des zahlreich erschienenen Publikum zu schliessen war…
Am nächsten Morgen führte ein Bus das Orchester nach Venedig, und von dort aus per Flug nach Madrid, wo bereits am selben Abend das zweite Konzert stattfand – und am Tag darauf in Murcia das dritte. Doch da war ich nicht mehr dabei, Merit und ich flogen zusammen von Bologna aus zurück nach Berlin. Wir reisten erst am Nachmittag, so dass uns noch etwas Zeit blieb, die Hotel-Lobby zu einem temporären Büro zu erklären und an kommenden Projekten zu arbeiten. Die Vorfreude auf alles, was nun kommt, machte diesen Abschied weniger schwer. Ich bin so froh, dass dieses Ende erst der Anfang war!