Das Projekt, von dem ich gestern heim nach Berlin kam, war eines der kürzesten der Saison, aber für mich war es so reich an musikalischen und persönlichen Erlebnissen, dass es mir mindestens doppelt so lang schien. Denn es brachte nicht nur neue Herausforderungen mit sich, sondern war für mich vor allem auch durch die Wiederbelebung zahlreicher Erinnerungen geprägt.
Das begann schon mit dem Ort der Probenphase und des ersten Konzerts: Baden-Baden liegt in der Nähe zweier meiner ehemaligen Heimatstädte, Heidelberg und Freiburg. Zudem ist das gemütliche Städtchen selber für das MCO eine Konstante: Seit unserer Gründung gab es wohl kaum ein Jahr, in dem wir nicht ein paar Tage oder gar Wochen hier zugebracht hätten. So fühlen wir uns in Baden-Baden schon zu Hause, und das Festspielhaus weckt, sobald ich es betrete, in mir sofort die Erinnerungen an schöne MCO-Konzerterlebnisse und an viele Übestunden, die ich zwischen Opernkostümen in Garderobenräumen absolvierte, als ich mich zu Studienzeiten während der MCO-Projekte auf Vortragsabende und Wettbewerbe vorbereitete.
Ein schöner Zufall wollte es, dass wir uns gleichzeitig mit Thomas Hengelbrocks Balthasar-Neumann-Ensemble in Baden-Baden aufhielten und dass dort gerade zwei sehr liebe Freundinnen, die ich übrigens beide aus dem MCO kenne, mitspielten. Es war ein fröhliches Wiedersehen, und außerdem hatte ich die Gelegenheit, einen sehr gelungenen "Barbier von Sevilla" unter Thomas' Leitung im Festpielhaus erleben zu dürfen!
Unser diesmaliges Repertoire nahm für mich wie für einige von uns ebenfalls Bezug auf Vergangenes: Es wurde mit der Ouvertüre zum Fliegenden Holländer eröffnet - zwar nicht eben unser Standardrepertoire und für mich eine Premiere, aber mir einen Opernbesuch in meiner Kindheit in Berlin wieder vor Augen rufend.
Es folgten die wunderschönen Wesendonck-Lieder, ebenfalls von Wagner. Unsere großartige Solistin Waltraud Meier verzauberte das Publikum ebenso wie uns alle! Ich hatte sie zuletzt erlebt, als ich sechzehnjährig als Mitglied des Gustav Mahler Jugendorchesters mit ihr musizierte: wieder eine Erinnerung an alte Tage, und zwar eine, die ich mit vielen jetzigen MCO-Mitgliedern teile! Ganz spontan bereiteten wir gemeinsam mit Waltraud im letzten Augenblick noch eine Zugabe vor: Isoldens Liebestod. Mit wieder einmal staunenswerter Geschwindigkeit schafften unsere Büro-Mitarbeiterinnen die Noten pünktlich zur Generalprobe herbei, so dass wir dem Publikum beider Konzerte und uns selbst eine zusätzliche Freude machen konnten - denn Waltraud Meiers Wagner-Interpretationen sind einfach grandios!
Das Hauptwerk des Programms war Dvoráks achte Symphonie. Dieses herrliche Werk hatte bereits zu Beginn der MCO-Geschichte eine große Rolle für uns gespielt, wie Daniel Harding, der uns auch dieses Mal wieder dirigierte, in der teilweise öffentlichen Generalprobe erläuterte. Im Rahmen eines neu eingeführten sog. Education-Projektes werden in Baden-Baden von nun an regelmäßig workshopartig öffentliche Proben durchgeführt. Wir waren nun an der ersten Veranstaltung dieser Art beteiligt, und sie kam gut an. Die vorhergehenden Proben der ersten beiden Projekt-Tage leitete Daniel mit wohlbekannter Stringenz und Effizienz, so dass die Stücke schnell Gestalt annahmen. Dabei fasziniert immer wieder, wie Daniels Interpretationen sich trotz unverkennbarer Merkmale von Jahr zu Jahr weiterentwickeln.
Die beiden Konzerte in Baden-Baden und Frankfurt schienen dem Publikum jedenfalls zu gefallen, wobei uns in Frankfurt die besonders angenehme Akustik der Alten Oper unter die Arme griff. Doch diese Konzerte an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mit einem anspruchsvollen Repertoire waren nicht alles: Für drei von uns, nämlich für unsere Soloflötistin Chiara, für unseren Solocellisten Konstantin, genannt Fitz, und für mich gab es in diesem Projekt noch eine ganz besondere Aufgabe: In einem Mitternachtskonzert, nur gut zwei Stunden nach Ende des Orchesterkonzerts im Baden-Badener Festspielhaus, brachten wir in der Spitalkirche, der ältesten Kriche Baden-Badens, Solo-Werke von Bach zu Aufführung.
Ich selbst hatte dafür die Ciaccona aus der d-Moll-Partita gewählt. Sie ist nicht nur eines der berühmtesten Solowerke für Violine überhaupt und der bekannteste Satz aus Bachs Solo-Sonaten und -Partiten für Violine, sondern auch eines meiner absoluten Lieblingsstücke. Bachs Ciaccona begleitet mich seit meinem dreizehnten Lebensjahr und somit seit sechzehn Jahren - auch sie ist für mich mit dementsprechend vielen Erinnerungen verbunden. Obwohl ich das Stück also gut kannte und schon oft gespielt hatte, fand ich es etwas aufregend, es nun nach einem groß besetzten Orchesterkonzert aufzuführen. Aber zum Glück sorgten Chiaras und Fitz' wunderbares Bach-Spiel vor meinem eigenen Auftritt sowie die ideale Akustik der von Kerzenschein erleuchteten Kirche für die richtige Stimmung...
Danach genoss ich die Entspannung gemeinsam mit meinen Eltern, übrigens langjährigen MCO-Friends, die aus Heidelberg zu den beiden Konzerten des Abends gekommen waren. Auch am nächsten Abend in Frankfurt wurde natürlich nach dem Konzert noch ein bisschen gefeiert, zumal ich auch dort gute Freunde traf. Und mit meinen Freunden aus dem MCO Zeit zu verbringen, lohnt sich ohnehin immer!!
Die vier Tage, die das Projekt dauerte, waren für mich also eine ganz besonders intensive Zeit, erfüllt von großartiger Musik und schönen Begegnungen.