Wann und wo war dein erstes Konzert mit dem MCO? Recklinghausen, Deutschland, 2002. Ich erinnere mich noch gut: es war eine Oper, Mozarts „Don Giovanni“. Zur ersten Probe, meiner allerersten überhaupt mit dem Orchester, kam ich 15 Minuten zu spät, und das, obwohl ich ungefähr drei Stunden vorher im Hotel angekommen war! Beim Versuch, die Oper zu finden, habe ich mich komplett verlaufen und sicher keinen guten ersten Eindruck gemacht. Aber es war trotzdem ein großartiges Projekt. Vermutlich habe ich ein bisschen zu viel Zeit in der Bar nebenan verbracht, aber ich hatte sehr viel Spaß.
Was machst du vor einem Auftritt? Das ist etwas, das ich nie so richtig hinbekommen habe. Einige Kollegen haben strikte Rituale, die sie vor Konzerten befolgen…Ich habe die nicht. Leider neigen die Dinge dazu, etwas chaotisch zu werden! Vielleicht denke ich einfach nicht genug darüber nach…Aber mir scheint immer die Zeit davonzulaufen, bevor ich all die Dinge tun konnte, die ich mir vorgenommen hatte (schlafen, duschen, essen etc.). Ich denke, teilweise kommt das von meiner Abneigung gegenüber den Backstage-Solo-Wettbewerben, die vor den Konzerten in wahrscheinlich jedem Orchester stattfinden. Ich möchte nur ankommen, meine Viola auspacken und auf die Bühne gehen. Ganz einfach. Aber ich muss zugeben, dass es manchmal schon ziemlich knapp wird bei mir!
Was würdest du machen, wenn du kein Musiker wärst? Vor 15 Jahren hätte ich auf jeden Fall gesagt, dass ich Fußballer geworden wäre. Aber heute? – Keine Ahnung. Eigentlich hätte es sogar so weit kommen können. Als Jugendlicher spielte ich in meiner Heimatstadt Huddersfield Town, dessen Senior Team jetzt in der 1. Liga in England spielt. Ich war völlig verrückt nach Fußball und habe mich erst mit 15, nach einer schweren Verletzung, dafür entschieden, die Musik wirklich ernst zu nehmen. Ich frage mich oft, was sonst passiert wäre, aber ich spiele noch immer Amateur-Fußball, sooft ich kann, manchmal sogar auf Tour mit dem MCO.
Was machst du in deiner Freizeit? Schwierige Frage! Ich verbringe viel Zeit mit meiner Terminplanung: Flüge, Züge, Autos buchen… ich könnte wirklich einen persönlichen Assistenten gebrauchen! So ist es eben, wenn man zwei Jobs hat und freiberuflich in London und an anderen Orten arbeitet. Das kann ziemlich hektisch sein. Wenn ich nicht mit der Arbeit oder dem Organisieren beschäftigt bin, esse ich gern, schaue oder spiele Fußball, gehe wandern oder schlafe…etwas, worin ich ziemlich gut bin.
Was ist das Beste daran, im MCO zu spielen? Die Energie, die Leidenschaft und Hingabe. Ich habe das Glück, in vielen Orchestern gearbeitet zu haben, aber keines hatte dasselbe „Feeling“ wie das MCO. Konzerte können elektrisierend sein. Und es ist ziemlich außergewöhnlich, so viele Freunde als Kollegen zu haben.
BIOGRAPHIE Joel Hunter ist sowohl als Orchestermusiker als auch als Kammermusiker sehr gefragt. Seit seinem Abschluss an der Royal Academy of Music in London 1997 spielt er weltweit mit vielen führenden Ensembles und Orchestern und arbeitet regelmäßig unter Dirigenten wie Claudio Abbado, Zubin Mehta, Pierre Boulez, Valery Gergiev und Lorin Maazel.
Seit 2005 ist Joel Viola-Stimmführer im Swedish Radio Symphony Orchestra in Stockholm unter der Leitung von Musikdirektor Daniel Harding, eine Stelle, die er sowohl mit seinen Verpflichtungen in Großbritannien als auch mit dem MCO in Einklang bringt. Als Gast-Stimmführer spielte er in vielen britischen Orchestern, darunter das London Chamber Orchestra, die City of Birmingham Symphony, die English Sinfonia und das BBC National Orchestra of Wales. Ebenso findet er Zeit, mit den Studio-Orchestern in London Musik für Film und Fernsehen aufzunehmen.
Als Kammermusiker spielte Joel mit bedeutenden Künstlern wie Yo-Yo Ma, Augustin Dumay, Piers Lane, Pascal Roge, Christian Tetzlaff und Gary Graffman in Konzerten auf der ganzen Welt. Er tourte durch Italien, Ungarn und Frankreich als Mitglied des Cat Quartets; regelmäßige Teilnahmen an internationalen Festivals ließen ihn zuletzt mit dem Kungsbacker String Trio in Deutschland beim Mecklenburg-Vorpommern Festival und in den USA beim Charlottesville International Chamber Music Festival auftreten. Joel ist außerdem Chamber Musician in Residence bei der Chopin Society of Hong Kong bei deren jährlichem internationalem Festival.
Joel ist Mitglied und Leiter des Goldberg Ensembles, das regelmäßig in ganz Großbritannien auftritt und sich auf Neue Musik spezialisiert hat. Neben seiner sehr erfolgreichen Kammermusikserie gründete das Ensemble ebenfalls ein von den Kritikern gelobtes Festival für zeitgenössische Musik in Manchester. Einladungen zu Ensembles wie Chamber Domaine und The London Conchord Ensemble führten zu viel gelobten Aufführungen und Einspielungen, zuletzt mit Werken von Gorecki und Ned Rorem für Black Box Classics und von Nicola Lefanu für Naxos.