Wo ist Europa? Wer oder was ist Europa? Eine Fläche, Menschen, Ideen? Was vor nicht langer Zeit noch undenkbar schien, erleben wir heute als selbstverständliche Wirklichkeit: offene Grenzen, die gemeinsame Währung, die Möglichkeit überall in Europa arbeiten und leben zu können, Freunde zu haben jenseits der nationalen Grenzen und auch mehrere Sprachen zu sprechen, sich mit Menschen von Portugal bis Finnland verständigen können. Und es scheint, dass die verschiedenen Alltagskulturen sich ohne Problem verschmelzen lassen – wir trinken italienschen Espresso, lieben französischen Wein, auch wenn wir in Norwegen im Café sitzen.
Für das Mahler Chamber Orchestra stellt Europa in seinen verschiedenen Dimensionen die eigentliche Heimat dar. Ohne wie andere Orchester einen Ort zu haben, wo der Sitz, der Wohn- und Probenort und auch das Stammpublikum zu finden ist, ist Europa der gemeinsame Nenner und Schwerpunkt der Aktivitäten, Erfahrungen und Menschen, die zentral sind für die Arbeit des MCO.
Europa ist der Lebens- und Arbeitsraum der Orchestermusiker – aktuell aus 19 europäischen Ländern, dabei alle Kernländern und darüber hinaus den USA, Japan und Südkorea kommen sie zu jedem Projekt angereist und bringen ihre Sprache, ihre Lebensgewohnheiten und Erfahrungen wie auch die spezifischen musikalischen Traditionen mit. Jede Saison streifen unsere Aktivitäten mehr als zehn verschiedene Länder in Europa, in die wir wiederum Idee und Erfahrung europäischen Geistes mitbringen.
Aber auch die Musik, das Repertoire des MCO, hat eine deutlich europäische Fundierung – es ist die Tradition des Abendlandes vom Barock bis zur Moderne, die das Kernrepertoire nicht nur des MCO darstellt. Außereuropäische Einflüsse und Traditionen mit größerer Selbstverständlichkeit zu integrieren gelang den Komponisten erst am Ende des 20. Jahrhunderts. Mit diesem Repertoire steht auch die europäische Geistesgeschichte im Raum – es ist der Geist der Aufklärung, es sind Werte wie Freiheit, Menschlichkeit und ein Bild des Menschen als ein freies, fühlendes Wesen, das nach Entfaltung strebt, die sich in der Musik von Mozart bis Schönberg ausdrücken. Schon immer waren es gerade Musiker, die sich Europa eroberten, ob Mozart mit der Postkutsche oder Pierre Boulez und Claudio Abbado heute mit dem Flugzeug. Musikalische Traditionen und Stile wurden immer wieder neu gemischt, auch hierfür sind Mozart, Händel, aber auch Wagner und Strawinsky nur einige wenige Beispiele. Und nicht zu vergessen die Dirigenten und Solisten, auch hier gibt es eine große Bandbreite an Nationen und Traditionen.
So sehr die Idee von Europa und auch so manche praktische Errungenschaft selbstverständliche Aspekte des täglichen Lebens geworden sind, so sehr erlebt Europa eine Akzeptanzkrise, die nicht nur in den schwierigen Diskussionen über eine Verfassung oder in der allgemein verbreiteten Ansicht, Europa wäre vor allem eine überbordende Bürokratie, sichtbar wird. Eine Schwierigkeit mag sein, dass Einheiten, die zu große Dimensionen annehmen, uns fremd werden. Wir brauchen eine lokale Verwurzelung, die Sicherheit und Vertrauen schenkt und dann die Basis für ein Denken im größeren Kontext sein kann. Und wir brauchen Offenheit und Toleranz gegenüber anderen Erfahrungen, anderen Ideen, und den Wunsch, Neues kennenzulernen und in unser Leben zu integrieren.
Das MCO leistet hier als ein Mikrokosmos Europas Beispielhaftes und das wie selbstverständlich – mit jeder Tournee gibt es einen neuen Mix aus Spielern und Nationalitäten in einem spezifischen Land, und man lebt punktuell sehr eng zusammen. Eine Kontrabassgruppe, die drei Musiker aus der Türkei, aus Armenien und aus Südkorea in sich vereint, gibt eine Idee davon, was im MCO an täglichem Austausch notwendig ist. Denn letztlich zählt das Zusammenspiel, das hervorragende Konzert, und dafür muss es egal sein, aus welchem Ort, welcher Nation die Musiker kommen. Vielleicht ist es nicht nur egal, vielleicht ist es sogar eben dieser Umstand, der geradezu dazu zwingt, mit immer neuer Offenheit und Energie sich mit den Mitspielern und mit der Musik auseinanderzusetzen.