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Pierre Boulez

Pierre Boulez

Ein wichtiger Teil unserer Kultur //

Pierre Boulez, Komponist und Dirigent, ebenso Opernlegende wie Opernhaus-Kritiker, Mentor des musikalischen Nachwuchses und messerscharf analysierender Musikdenker, dirigierte das MCO bei einem seiner erfolgreichsten Opernprojekte. Aus einem Totenhaus, eine Koproduktion der Wiener Festwochen mit dem Opernfestival in Aix-en-Provence und dem Holland Festival, wurde zur Opernproduktion des Jahres 2007 gewählt, erzielte bei Publikum und Presse höchstes Lob und wurde zu einem Meilenstein in der Geschichte des Orchesters. Noch im selben Jahr sprang Pierre Boulez für den erkrankten Claudio Abbado ein und dirigierte das Lucerne Festival Orchestra in der Carnegie Hall in New York. Im Mai 2011 steht ein gemeinsames MCO Academy-Projekt mit Werken von Ravel, Schönberg und Strawinsky auf dem Programm. Mit On Tour sprach Pierre Boulez über die Bedeutung von künstlerischer Freiheit und Nachwuchsförderung.

Sie arbeiten nur mit wenigen Orchestern zusammen, warum gehört das MCO dazu?
Pierre Boulez: Für mich gehört das Mahler Chamber Orchestra zu den Orchestern, in denen es einen besonders starken Willen gibt, Musik auf einem herausragenden, auf höchstem Niveau zu machen. Es ist ein immer noch junges Orchester, voller Ideale und Enthusiasmus, und das inspiriert mich sehr. Unsere Zusammenarbeit im Sommer 2007 während der Opernproduktion Aus einem Totenhaus war voller Elan und Frische, und das Ergebnis war ganz hervorragend.

Vor 35 Jahren haben Sie erklärt, Sie wollten als Dirigent das System des Musikbetriebs von innen verändern. Was hat Sie zu dieser Aussage bewogen, und ist es Ihnen gelungen?
Pierre Boulez
: In dieser Zeit hat sich vieles verändert, das Musikleben ist heute ganz anders als damals, viel weniger verstaubt und konservativ. Es hat sich viel bewegt, gerade im Bereich der Neuen Musik, vor allem aber auch im Selbstverständnis der Musiker.

Kann man die Gründung von frei existierenden Ensembles wie dem MCO als eine Reaktion auf die Zustände damals sehen?
Pierre Boulez
: Sicher kann man das, und es gibt ja heute etliche Musiker und Ensembles, die sich neue Strukturen für ihre Arbeit geschaffen haben. Fesseln wie ein festes Abosystem zwingen oft zu Kompromissen und führen zu einer Routine, die diese Ensembles nicht haben.

Die Wirtschaftskrise scheint nun auch im Kultursektor angekommen zu sein. Worin sehen Sie die größte Gefahr für die Freiheit der Kunst – gerade bei einem freien Ensemble – wenn die finanziellen Möglichkeiten schrumpfen?
Pierre Boulez
: Aus meiner Sicht bleibt es die Aufgabe des Staates, Kultur zu unterstützen. Im Bereich der Musik ist das besonders notwendig, da Musik sehr teuer ist und man mit ihr keinen vergleichbaren Profit, wie zum Beispiel mit einem Museum, machen kann. Ein Konzert ist mit dem letzten Ton verklungen und muß dann immer wieder neu kreiert werden. Die Krise könnte freie Ensembles besonders treffen, aber ich denke, es wird nur für eine kurze Zeitspanne Probleme geben, und ich habe die Hoffnung, dass gerade diese Strukturen sich als sehr flexibel erweisen werden.

Sie haben einmal gesagt, das Wichtigste sei Pädagogik – um zu zeigen, dass Musik kein Luxus sondern eine Notwendigkeit ist. Wie erreicht man es, dass diese Notwendigkeit weithin wahrgenommen wird, anstatt dass Musik angesichts knapper Kassen unter einen ständig wachsenden Rechfertigungsdruck gerät?
Pierre Boulez
: Musikerziehung ist eine sehr wichtige Frage. Viele Menschen denken, Musik sei überflüssig, aber diese Menschen, auch gerade Politiker, müssen wir überzeugen, dass Musik ein sehr wichtiger Teil unserer Kultur ist. Wir brauchen Musikpädagogik von der frühen Kindheit an. Hier haben wir eine Pflicht gegenüber unseren Kindern zu erfüllen. Aber es hat sich schon einiges verändert, es gibt heute spezielle Konzerte für Kinder oder Konzerte zu kinderfreundlichen Zeiten und sehr viele pädagogische Aktivitäten drumherum. Es wäre wichtig, noch einen leichteren Zugang zu musikalischen Medien zu schaffen, wie zum Beispiel Mediencenter, in denen man alle Musik hören kann, aber so etwas kostet natürlich auch Geld.

Ihr nächstes Projekt mit dem MCO gibt auch einigen Studenten des Orchesterzentrums | NRW Gelegenheit, mitzuspielen und unter professionellen Bedingungen zu lernen. Was sind Ihre Erfahrungen in der Ausbildung von Orchesternachwuchs?
Pierre Boulez
: Eine gute praktische Ausbildung von Musikern ist ebenfalls sehr wichtig. Ich habe beim Lucerne Festival die Akademie mit eingerichtet, bei der es eine sehr glückliche Verbindung gibt aus eigenen Konzerten und der Möglichkeit, alle guten Orchester der Welt im Festival zu hören. So etwas kann natürlich nur ein Festival leisten. Ich erarbeite dort mit den Teilnehmern vier Programme mit wirklich schweren Werken. Die Anforderungen sind sehr hoch, aber das wollen die Studenten auch. Es ist wunderbar, wenn jetzt auch das MCO seine Akademie hat und so den Orchesternachwuchs fördert.

Quelle: ON TOUR 2010/11

MCO Academy NRW