Das Leben des MCO, seiner Musiker und seines Managements ist durch zwei Dinge geprägt: Musik und Reisen. Diese beiden Aspekte sind untrennbar miteinander verbunden: »Da wir beim MCO keine feste Anstellung haben und uns nur während den Touren sehen, gibt es bei uns keinen Alltag und keine Routine. Wir kommen für die Musik zusammen, sie ist für uns das Wichtigste«, so Chiara Santi, Fagottistin des Orchesters.
Die Geschichte des Reisens ist so alt wie die Menschheit selbst. Waren es ursprünglich ganz praktische Gründe wie die Suche nach Nahrung, Wasser und Schutz vor Wetter und wilden Tieren, die den Menschen zur Fortbewegung zwangen, kam spätestens in der Antike das Motiv der Wallfahrt, der Reise zu religiösen Kultstätten, hinzu. Auch der Handel spielte eine wesentliche Rolle, und selbstverständlich wurden zu allen Zeiten Beutezüge und Kriege in die nähere und fernere Umgebung unternommen. In der frühen Neuzeit kam dem Reisen eine weitere Bedeutung zu, es sollte der intellektuellen und persönlichen Entwicklung dienen. Künstler und Gelehrte aller Professionen machten sich auf den Weg zu den Bildungszentren Europas, durchwanderten ganze Länder und hielten ihre Beobachtungen über Sprache, Traditionen und Lebensgewohnheiten der Einwohner in Aufzeichnungen fest. Auch die Musikgeschichte kennt frühe Beispiele ausgiebiger Reisetätigkeiten von Musikern, beispielsweise die fahrenden Sänger des Mittelalters, die nicht nur die Liedkunst, sondern auch die »Zeitung«, die letzte Neuigkeit, an die Höfe brachten.
Das MCO war von Anfang an als Orchester ohne festen Wohnsitz konzipiert, seine Mitglieder kamen aus vielen verschiedenen Ländern, gespielt werden sollte, wo man das Orchester zu spielen einlud, egal wo auf der Welt. Für das stete Unterwegssein stand auch der Namenspatron Gustav Mahler, der zu seiner Zeit Reisen durch Europa und Russland bis nach Amerika unternahm. Heute sind die MCO-Musiker an rund 180 Tagen des Jahres unterwegs, spielen Konzerte und Opern in Europa und Übersee, und haben allesamt eine stattliche Sammlung an Bonusmeilen bei mehreren Fluglinien. Kurz: wo die meisten Leute den Begriff »Reise« mit Urlaub verbinden, ist für die Orchestermusiker eher der Aufenthalt zu Hause die Ausnahme.
Dies bedeutet zunächst ganz praktisch einen nicht geringen organisatorischen Aufwand, an dem neben dem Orchestermanagement ein Reisebüro und eine Spedition beteiligt sind. Der allererste Schritt zur Reiseorganisation wird mitunter Jahre vorher getan, wenn ein Projekt noch in der Planungsphase ist. Wichtig zu wissen ist, in wieweit der Konzertort mit internationalen Verkehrslinien vernetzt ist, ob es in zumutbarer Nähe einen Flughafen oder größeren Bahnhof gibt. Sobald wie möglich werden die Flug- und Fahrpläne der entsprechenden Saison studiert, um sicherzustellen, dass alle Musiker, der Dirigent, der Solist und die Tourneemanager pünktlich zur ersten Probe eintreffen und am Tag nach dem Konzert wieder nach Hause zurückkehren können. Ferner werden – bei außereuropäischen Destinationen – Informationen über Einreise- und Visumbestimmungen eingeholt, eventuell auch schon Hotelzimmer gebucht.
Wenn dies alles geklärt werden konnte, gehen die Projektmanager einige Monate vor Beginn der Konzertreise daran, die Reisebuchungen einzuleiten. Hierzu müssen die Anzahl der Reisenden, die genaue Projektdauer und die Anbindung zweifelsfrei feststehen. Handelt es sich um Gruppenflüge zu Fernzielen wie New York oder Tokio, werden diese ungefähr ein halbes Jahr vorher gebucht. Die Organisation der Individualreisen beginnt drei Monate vorher. Spätestens jetzt wird das Reisebüro aktiv. Dina El Sawaf, Mitarbeiterin bei Westtours-Reisen in Bonn beschreibt die notwendigen Schritte: »Wir erhalten Informationen zum jeweiligen Projekt wie An- und Abreise, gewünschte Zeiten, Namen der Musiker und deren Instrumente und Reisebudget. Ziel ist es, dass die Musiker, die alle aus verschiedenen Orten in Europa anreisen, möglichst zum selben Zeitpunkt am Zielort ankommen, samt Gepäck und Instrumenten, und dass das Budget trotz dieser Vorgaben nicht überschritten wird.« Was so einfach klingt, ist in Wahrheit ein logistisches Großunternehmen: In der Saison 2008/09 standen ganze 22 Opern- und Konzertprojekte auf dem Plan, darunter mehrere Tourneen, die neben An- und Abreise auch Gruppenreisen zwischen den Konzertorten enthielten. Daran nahmen rund 150 Musiker teil, die aus über 20 verschiedenen Ländern anreisen. Sie alle bekommen individuelle Reisepläne, die im Dialog mit Dina El Sawaf und ihrer Kollegin Kerstin Schmitz entstehen. Um da den Überblick zu behalten, sind vier Dinge notwendig: das im Reservierungssystem angelegte Profil der Musiker, in dem die wichtigsten Daten wie Vielflieger-Nummer und Instrument gespeichert sind, moderne elektronische Kommunikationsmittel, langjährige Erfahrung mit Orchesterreisen und der enge Kontakt zu den Projektmanagern im MCO-Büro.
Mit den Musikern müssen natürlich auch deren Instrumente sicher an den Zielort gebracht werden. Grundsätzlich nimmt jeder Musiker sein Instrument mit auf die Reise, was im Falle kleinerer Instrumente wie Geigen oder Flöten höchstens für die Mitreisenden ein Problem ist, weil der Platz für das Handgepäck oft nicht ausreicht. Die Herausforderungen beginnen bei den großen Instrumenten wie Kontrabässe oder Pauken, die entweder als Cargofracht im Gepäckraum mitfliegen oder per LKW von der Spedition transportiert werden. Die Berliner Firma TransBWG fährt seit 2002 die Instrumenten- und Bürokisten quer durch Europa. Neben den Lager- und Bürobeständen, die in Berlin eingeladen werden, liegen oft die Wohnorte der Kontrabassisten und Pauker auf der Reiseroute, wo die Fahrer die Instrumente unterwegs einsammeln. Im Laufe der Jahre konnte durch finanzielle Unterstützung des MCO-Freundeskreises eine Reihe Flightcases für Schlagwerk und Kontrabässe gekauft werden. Am komfortabelsten reisen übrigens die Celli: sie bekommen ein eigenes Flugticket und werden auf den Sitzplätzen neben ihren Eigentümern festgeschnallt.
Über die Organisation hinaus bedeutet das Reisen für alle Beteiligten aber noch viel mehr: Inspiration, Aktivität, Freude am Neuen, aber auch: Herausforderung. Die Projektmanagerin Aglaja Thiesen über ihrer Rolle vor Ort: »Wichtig sind Verständnis für die Bedürfnisse anderer, Flexibilität und Humor. Während der Reise stellt sich heraus, ob die Planung der Realität standhält. Wenn eine Tour von allen Beteiligten als wenig anstrengend empfunden wird, haben wir unsere Arbeit gut gemacht.« Was ist der worst case? »Wenn unterwegs Unvorhergesehenes höherer Gewalt eintritt, wie zum Beispiel ein Generalstreik.« Und was die Motivation? »Die Reisen selbst! Wir sehen meist nicht viel von der Stadt, aber wir haben intensiv mit den Menschen vor Ort zu tun und gewinnen so einen viel tieferen Eindruck von der Mentalität und der Grundatmosphäre eines Ortes.«
Und wie empfinden das die Musiker? Für Béatrice Muthelet, Stimmführerin der Bratschen, steht fest: »Jedes Land hat seine eigene musikalische Welt, seine eigenen Zugänge zur Musik. Jedes Land hat seine Stars und Größen, und das ist musikalische sehr interessant und aufschlussreich.« Und die Geigerin Annette zu Castell auf die Frage nach dem schönsten Ort, an dem sie mit dem MCO je war: »Ich kann mich wirklich nicht erinnern, dass wir je an einen Ort gefahren wären, der nicht schön war. Jede Stadt hat ihren eigenen Charme.« Ob das Reisen der Musik zugute kommt, überlegt Cindy Albracht: »Ich denke, das Reisen hilft uns, eine Verdindung zueinander herzustellen, ein warmes Gefühl, das uns vereinigt. Ob es unser Musikmachen beeinflußt, weiß ich nicht. Aber ich glaube es!«