Das Oratorium, überhaupt geistliche Musik, nimmt in Ihrem Repertoire neben Konzert- und Liedgesang einen festen Platz ein. Schreiben Sie ihm eine besondere transzendente Dimension zu? Thomas Quasthoff: Das Oratorium nimmt in meinem Repertoire einen festen Platz ein, weil für mich der Bereich Oper wegfällt. Ich bin mit dieser Musik aufgewachsen. Wenn ich die Matthäuspassion nehme in der jetzigen Umsetzung, die ich gerade mit den Berliner Philharmonikern und Sir Simon Rattle sowie in der szenischen Umsetzung von Peter Sellars hier in Salzburg mache, so kann man durchaus sagen, dass dieses Stück eine transzendente Dimension erreicht – die Bachsche Musik hat eine solche Größe, dass sie sich von jeglicher anderen Musikform unterscheidet.
Mendelssohn-Bartholdy setzte sich intensiv mit den Themen seiner biblischen Stoffe auseinander und versuchte, sie musikalisch in einem zeitaktuellen Kontext zu beantworten. Erreichen uns diese Fragen heute noch? Thomas Quasthoff: Im Rahmen allgemeiner Globalisierung – sprich zunehmender Gefühlskälte – erreichen uns diese Themen, die Mendelssohn-Bartholdy bearbeitet hat, mehr denn je. Denn die großen Themen in unserem Leben sind nun mal Liebe, Zweifel, Versagensangst und Glaube.
Elias ist eine Kämpfernatur, die aber auch den Zweifel (vor allem an sich selbst) und die Verzagtheit kennt. Gehört die Figur nicht eher in eine Oper? Thomas Quasthoff: Elias ist eines der opernhaftesten Oratorien, die es gibt; ich glaube dadurch, dass es ein biblisches Thema ist, gehört es auch in den Rahmen eines Oratoriums – es würde sich aber auch als Thema für eine Oper eignen.
Was lässt die Partie des Elias zu einer Paraderolle für Bariton werden? Thomas Quasthoff: Weil man in dieser Partie alle Farben und Emotionen zeigen kann, die einem als Bariton zur Verfügung stehen sollten.
Besteht die Gefahr, bei diesem Stoff ins Pathos abzugleiten? Und wie begegnet man ihr? Thomas Quasthoff: Ein guter Sänger sollte auch einen guten Geschmack besitzen; dem zu begegnen oder es zu unterbinden hängt nicht nur vom Sänger, sondern auch vom Dirigenten ab. Und dann gibt es eine wichtige Grundregel für mich: das Werk ist entscheidend, und nicht der Künstler.
»Schön singen genügt nicht« – was sind Ihre Ansprüche an sich, an Ihre Schüler? Thomas Quasthoff: Der Sänger hat sich immer dem Werk unterzuordnen – es muss eine Symbiose geben zwischen Text und Musik, und ich erwarte von einem überdurchschnittlichen Sänger einen bewussten Umgang mit Farben. Denn die Stimme ist das farbenreichste Instrument, das es gibt.