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Wie eine feine ältere Dame

von Sonja Koller

Warum soll es beim einen die Geige sein und nicht etwa eine Oboe? Weshalb ist es beim anderen gerade umgekehrt? Welche Pflege verlangt eine Pauke, und wie reist man mit Klarinetten durch die Welt?

»Ich habe meinen Eltern zu verstehen gegeben, dass ich kein Blasinstrument spielen würde. Weil ich nichts in meinen Mund nehmen wollte – zu unhygienisch!«, lacht der Geiger Geoffroy Schied. Beim Besuch eines Konzertes, an dem verschiedene Instrumente vorgestellt wurden, entschied sich der Sechsjährige sofort für die Geige und ist bis heute dabei geblieben. Emma Schied hingegen, die mit Geoffroy verheiratet ist und wie er zu den Gründungsmitgliedern des MCO gehört, fand »rein zufällig« zu ihrem Instrument: »Zuerst spielte ich Klavier und Blockflöte, und hatte überhaupt nicht vor, auf ein anderes Instrument zu wechseln. Als ich neun Jahre alt war, fehlte dem Orchester meiner Schule jedoch eine Oboe. Also habe ich angefangen, dieses Instrument zu lernen.« Ähnliches berichtet Jaan Bossier: »Meine Eltern schickten mich zur Musikschule. Als ich aus dem Angebot an Leihinstrumenten dasjenige auswählen durfte, das ich lernen wollte, habe ich ganz einfach Flöte gesagt. Zufällig waren bereits alle Flöten vergeben, also ist es Klarinette geworden.« Die Zufallsbegegnungen sollten sich jedoch als das genau Passende für Jaan und Emma herausstellen. Wieder eine andere Geschichte erzählt MCO-Pauker Martin Piechotta: Seit er denken kann, fühlt er sich von allen Schlaginstrumenten magisch angezogen. Trotzdem verlief der Weg zu seinem Instrument nicht gradlinig: Martins Eltern wünschten, dass er Klavier lernt, und so geschah es auch. Erst als Martin eine vorberufliche Fachausbildung absolvierte, in dessen Rahmen er ein Zweitinstrument wählen durfte, erhielt er die Gelegenheit, zum Schlagzeug zu gelangen. Eine Gelegenheit, die er sofort wahrnahm!

Aus den musikinteressierten Kindern von einst sind längst brillante Orchestermusiker geworden. Musik und Instrumente begleiten sie heute durch den Alltag und quer durch die Welt. Hört man die Musiker über ihre Instrumente sprechen, so klingt es manchmal, als ob von guten Freunden die Rede wäre. »Sie ist wie eine feine ältere Dame«, charakterisiert Geoffroy seine 380jährige italienische Geige, »man muss sich gut um sie kümmern und sie mit Respekt behandeln. Wenn ich nicht in Form bin, verzeiht sie mir das nicht so einfach. Sie hat ihr eigenes Temperament und ist nicht mit jeder meiner Ideen einverstanden.« Auch Martins Barockpauken aus dem Jahr 1820 besitzen ihre ganz eigene Persönlichkeit: »Es gibt Tage, da wollen sie einfach nicht klingen. Man weiß nicht warum, es gibt keine rationalen Gründe dafür. Doch wenn sie mitmachen, dann klingen sie wunderbar, ganz toll. Ich mag ihren Charakter sehr.« Während die Instrumente von Martin und Geoffroy das Alter ihrer Besitzer um ein Vielfaches übersteigen, ist dies bei Emma und ihrer Oboe gerade umgekehrt: »Leider ist die Lebensdauer von Oboen ziemlich begrenzt. Alle sechs bis sieben Jahre muss ich mich nach einem anderen Instrument umsehen.« Jedes Instrument will von seinem Besitzer gepflegt werden – manche nehmen dafür mehr Zeit in Anspruch, manche weniger. Oboe und Pauke sind besonders zeitaufwändig: Martin zieht die Felle seiner Instrumente selber auf, wofür er jeweils zwei bis drei Tage benötigt. Auch die Filzschläger baut er selbst. Emma verbringt viel Zeit mit der Herstellung der Mundstücke ihrer Oboe, dem doppelten Rohrblatt aus Schilf: Jedes Rohrblatt muss perfekt auf Instrument und zum Spieler passen. Deshalb kaufen Oboisten keine fertigen Rohre, sondern Rohmaterial. Dann sitzen sie viele Stunden in ihrem Zimmer und hobeln, schaben, messen und probieren. »Oboenlehrer beginnen ziemlich früh damit, ihren Schülern die Herstellung der Rohrblätter beizubringen. Ich war dreizehn Jahre alt, als ich damit anfing. Grundsätzlich mache ich es gerne – doch manchmal würde ich auch lieber in der Sonne spazieren gehen, als mich wieder um meine Rohrblätter zu kümmern!« Da haben es die Klarinettisten einfacher: Sie können ihre Blätter, die aus Bambus hergestellt werden, im Musikgeschäft kaufen. Dafür haben Klarinettisten manchmal sehr viel zu transportieren: ihr Instrument existiert in verschiedenen Tonlagen und Größen – Jaan spielt sie alle. Meistens benötigt für ein MCO-Projekt die A- und die B-Klarinette, oftmals hat er jedoch auch die Bassklarinette dabei. »Letztes Jahr brauchte ich bei einem langen Projekt, das aus verschiedenen Programmen bestand, das ganze Klarinettenmuseum: Es, B, A, Bass, Bassetthorn und Kon­trabassklarinette. Die Kontrabassklarinette konnte ich mit der Spedition des Orchesters mitgeben. Aber alle anderen Instrumente habe ich mitgeschleppt.«

Spedition – damit sind wir bei einem weiteren wichtigen Stichwort im Leben des MCO: Manche große Instrumente – wie Kontrabass, Schlagzeug oder Harfe – können nicht von den Spielern selbst zu den Projekten gebracht werden. Also werden sie von einem LKW transportiert. Eine verantwortungsvolle Aufgabe, die von den Projektmanagerinnen des MCO koordiniert und von zwei Fahrern, die das MCO sehr gut kennen, ausgeführt wird. Spezielle Transportkisten schützen die zerbrechlichen Instrumente unterwegs. Und an dieser Stelle kommen auch die Freunde des MCO ins Spiel: Dank ihrer großzügigen finanziellen Hilfe konnte das Orchester im vergangenen Jahr drei dringend benötigte Transportkisten für Kontrabässe kaufen und für das Schlagzeug eine eigene Kiste bauen lassen.

 

Quelle: ON TOUR 2009/10