»Bartók hat gerockt!« – aus der MCO Residenz NRW von Jan Boecker
»Drum nahm ich meinen Stock und Hut und thät das Reisen wählen.« Wie Matthias Claudius’ Urian bei seiner Reise um die Welt, so entschied sich auch das Mahler Chamber Orchestra zu reisen – nur nicht mit Stock und Hut ausgestattet, sondern mit Geigenkoffer und Notenkiste.
Seit letztem Jahr gehen die Reisen regelmäßig nach Nordrhein- Westfalen, genauer gesagt zum Konzerthaus Dortmund und zu den Philharmonien in Essen und Köln. Hier, in den drei großen Sälen des Bundeslandes, hat sich die MCO Residenz NRW durch eindrucksvolle Konzerte etabliert, gehört das Mahler Chamber Orchestra inzwischen zu den Stammgästen und wird jeweils das Eintreffen der Musiker zu einem nächsten Konzert, zu einer nächsten Probenphase oder einer neuen Academy sehnlich erwartet. Was Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Große-Brockhoff und Dr. Fritz Schaumann, Präsident der Kunststiftung NRW, anlässlich der Pressekonferenz am 17. März 2009 in Düsseldorf prophezeiten, ist auf dem besten Wege: »Das Mahler Chamber Orchestra wird als ›Residenzorchester Nordrhein-Westfalen‹ in der Welt Botschafter für die kulturelle Aufbruchstimmung in Nordrhein-Westfalen sein und zugleich neue Impulse in die Kulturszene unseres Landes bringen.«
Neue Impulse für das gesamte Bundesland sind gemeint! Von Beginn an wurden Überlegungen in die Konzeption der MCO Residenz NRW einbezogen, um auf möglichst vielfältige und nachhaltige Art und Weise Publikum, musikalischen Nachwuchs und weitere kulturelle Institutionen teilhaben zu lassen und die Residenz in der Region zu verankern.
Gleichsam mit einem lauten Knall, nämlich mit Kilians gelungenem Schuss in Webers Oper Der Freischütz, startete unter Thomas Hengelbrocks musikalischer Leitung die MCO Residenz NRW am 16. Mai 2009 im Konzerthaus Dortmund. Parallel zu den Opernproben nahmen ein elaboriertes Educationprogramm und die MCO Academy ihren Anfang. Während den angehenden Orchestermusikern beim Unterricht und Probespiel im Orchesterzentrum manche Schweißperlen auf der Stirn stehen, durchleben etliche Schulklassen, zweihundert Meter weiter im Orchesterprobenraum des Konzerthauses, bei Workshops zur szenischen Interpretation die Handlung der Oper. Mit Jägerhut versehen und der Büchse bewaffnet, auf einer imaginierten Bühne stehend, singend, sprechend, lässt sich in Interaktion mit den anderen Teilnehmern die Erfahrung selber machen, warum der Jägerbursche Max so aufgeregt ist, seine Braut Agathe so verstört, wie der Jägerchor selbst gesungen klingt und welche die Aufgaben des Orchesters sind. Erfahrungen, welche auch Erwachsene in einem Extra-Workshop machen wollen, und die sich Ende Oktober am Beispiel einer weiteren konzertant aufgeführten Oper auf andere Weise wiederholen: Für Workshops zu Wagners Tristan und Isolde gehen diesmal MCO-Musiker mit ihren Instrumenten in die Dortmunder Schulen. Und nicht nur Schulen sind mit von der Partie, auch jugendliche Teilnehmer des Stipendienprogramms der Roland Berger Stiftung Fit für Verantwortung erleben den Probenbesuch, erhalten eine Werkeinführung von MCO-Intendant Andreas Richter und können ihre Fragen an die Musiker stellen. Derweil zieht parallel an der VHS die »Wagner-Werkstatt« ihre interessierten Teilnehmer an.
Kurz vor dem Tristan das erste Experiment: Die erste Klassiklounge im Ruhrgebiet findet im nahe des »Dortmunder U« gelegenen Freizeitzentrum West, kurz FZW, statt. Die »Klassik im Club« spielt ein Kammermusik-Ensemble des MCO – Mozart, Beethoven, Bartók und Piazolla machen Musikern und Gästen der Lounge ersichtlichen Spaß; DJ Canisius und VJ Safy Sniper, bekannt aus der Berliner »Yellow Lounge«, bringen ihre Audio- und Videokunst ins Revier.
Das Medieninteresse ist groß: Gleich drei WDR-Redaktionen berichten per Hörfunk- und Fernsehbeiträgen; spät am Abend mischt sich auch noch Tristan-Dirigent Daniel Harding unters Publikum. Man ist sich einig: Auch an anderen Orten der Stadt und in einem anderen »Format« kommt das MCO gut an, etwa bei einem Club-Publikum. Eine Besucherin bringt es auf den Punkt: »Ich fand es ganz toll, klassische Musik mal so jung und modern zu erleben. Das Publikum saß auf Barhockern, auf der Treppe, oder einfach auf dem Boden, und mir ist aufgefallen, dass wirklich viele junge Leute da waren. Die Live-Auftritte waren auf jeden Fall das Highlight des Abends, vor allem die Duos für zwei Violinen von Bartók haben gerockt!«
Kurz nach dem Tristan ist das zweite geglückte Experiment zu verzeichnen: Nicht weniger als fünfzehn Studierende des Orchesterzentrums| NRW hatten sich für eine Mitwirkung beim Academy-Konzert qualifiziert und spielen nun in Köln und Dortmund nicht nur bei Strawinskys Le Sacre du Printemps mit, sondern sozusagen außerplanmäßig auch in Beethovens Violinkonzert, dessen Solist der französische Geiger Renaud Capuçon ist. Beim anschließenden »Meet the Orchestra« berichtet Schlagzeuger und Akademist Markus Mayer, wie an- und aufregend die Konzerte für ihn verlaufen sind, während MCO-Klarinettist Jaan Bossier den jüngeren Kollegen bescheinigt: »Sie spielen schon fast wie die Profis.«
In der Kölner Philharmonie traf das MCO beim Tag der offenen Tür am 30. August 2009 auf ein großes, rund 10.000 Besucher zählendes Publikum. Einer öffentlichen Probe am Morgen unter Leitung von George Benjamin, mit Heinz Holliger an der Oboe, folgt auch in Köln ein »Meet the Orchestra«; Kinder lernen bei verschiedenen Workshops unterschiedliche Instrumente näher kennen; der Komponist Jörg Widmann ist in einem besonderen »Erlebnisraum ›Neue Musik‹« zu entdecken, und zur Mittagszeit spielt ein Solistenensemble des MCO Brahms’ Klarinettenquintett op. 115. Am Abend die Krönung: das Sinfoniekonzert des MCO mit der Deutschen Erstaufführung von Widmanns Oboenkonzert. So viel Resonanz erhält das Orchester, dass es auch beim Tag der offenen Tür 2010 wieder zu Gast sein soll.
Wenn die Philharmonie Essen am 16. Juni 2010 ihr erstes Konzert mit dem Mahler Chamber Orchestra im Rahmen der MCO Residenz NRW erlebt, beginnen auch hier vielfältige und anspruchsvolle Projekte zur Musikvermittlung: Der Dirigent des Abends, Andrew Manze, gestaltet im Rahmen der Vortragsreihe »Die Kunst des Hörens« selbst die Konzerteinführung zum reinen Mozart-Programm, das Geigerin Janine Jansen und Bratschist Julian Rachlin als Solisten bestreiten. Nachfolgend werden auch Daniel Harding, Ton Koopman und Pierre- Laurent Aimard als Einführungsreferenten zu hören sein. Kindern und Jugendlichen kommt die Begegnung mit dem MCO zugute in dem Programm »Philharmonie: lernen« – Musik erleben und verstehen im Klassenzimmer, im Konzertsaal und auf der Probenbühne.
Auch in Essen wird unter Beweis gestellt, wie reizvoll es sein kann, den angestammten Ort, den Konzertsaal, zu verlassen, wenn das MCO im neuen Folkwang Museum spielt und im Museumsraum zeitgenössische Bildende Kunst aus Amerika und amerikanische Musik eine inspirierende und intensive Beziehung miteinander eingehen.
Was ist außerdem in Zukunft geplant? Unter vielem anderen vielleicht nur ein Stichwort: »JeKi«. Die Kooperation mit der Stiftung Jedem Kind ein Instrument im Ruhrgebiet spielt eine große Rolle. Einmal bereits konnten JeKi-Kinder bei einer Probe dem MCO lauschen; bei einem »MCO Familienkonzert« im Dezember 2010 wird das KinderOrchesterRuhr unter Ton Koopman zusammen mit dem MCO in Dortmund spielen. To be continued!