Friends Tour Diary: Tristan in Ferrara – Oktober 2009 // 06.11.2009

Die Flucht aus dem frühwinterlich kalten München war zunächst nicht sehr erfolgreich, denn hinter dem Brenner bezog sich der Himmel und Ferrara begrüßte uns mit kühlem Wetter, tiefhängenden Wolken und kräftigen Regenschauern. An der ersten Kreuzung trafen wir sogleich Julia-Maria Kretz, mit dickem Hals und in einen dicken Schal gemummt. Ihr machte eine kräftige Erkältung zu schaffen, so dass sie ihre Kräfte für die großen Konzerte schonen musste und leider nicht wie geplant auch am Kammerkonzert im Jazzclub teilnehmen konnte. Wir wünschten gute Besserung und empfahlen ihr, Brangäne für ein starkes „Gegengift“ zu konsultieren.

Der erste Abend versöhnte uns mit einem erfrischenden Konzert unter Ton Koopman, bei dem zwei Werke Haydn’s, die 98. Sinfonie und das erste Cellokonzert, sowie die Reformationssinfonie von Mendelssohn erklangen. Die Zeitung Il resto di Carlino titelte danach: „Mahler gioiosa ’contagiata’ da Koopman“. Und so war es auch. Das quicklebendige Männlein leitete das hochmotivierte Orchester mit Elan und Frische. Mario Brunello spielte das Cellokonzert mit einem sonoren Ton. Das Publikum war enthusiastisch und wurde mit 2 Zugaben belohnt, einer Choralbearbeitung von Bach, bei der neben Brunello als schöne Geste auch einige Musiker aus dem Orchester mitwirkten und die Generalbasslinie spielten (Cello/Kontrabass), danach noch ein Satz aus einer der Cellosuiten von Bach. - Nach der Pause erklang die Reformationssinfonie von Mendelssohn. Ich muss gestehen, ich kannte dieses selten gespielte Werk noch nicht und war in den Anfangstakten förmlich irritiert und fühlte mich sozusagen „im falschen Film“, weil plötzlich aus dem Orchester vermeintlich das Gralsmotiv aus Parsifal erschall. Hatte der Bayreuther Meister etwa abgekupfert?? Tatsächlich handelt es sich dabei um das sogenannte „liturgische Dresdner Amen“ des Dresdner Kreuzchores, das eben schon Mendelssohn hier zitiert und das Wagner dann später in gleicher Instrumentierung für sein Bühnenweihfestspiel übernahm. Die Verknüpfung der Kirchensphäre mit den Gesetzen einer klassischen Sinfonie macht das Werk sehr ungewöhnlich und sperrig. Mendelssohn selbst hat sich von dieser Sinfonie in späteren Jahren völlig distanziert, sie wird deshalb fast nicht mehr aufgeführt. Trotzdem war es sehr interessant, dieses Werk einmal im Konzertsaal zu erleben. - Ton Koopman war an diesem Abend der Weltmeister im Händeschütteln. Bei jedem der abschließenden unzähligen Applausauftritte schüttelte er den Streichern an den ersten Pulten die Hände, und diese gaben sie dann mit Lachen an die Kollegen auf den hinteren Plätzen weiter. Als dann das Orchester sich schon fast verabschieden wollte, kam er im letzten Moment noch einmal herausgelaufen, winkte verschmitzt mit der Partitur und wiederholte zur Freude des Publikums noch einmal das Menuett aus der Haydn-Sinfonie.

Das Wetter blieb durchwachsen und die Regenschirmverkäufer hatten Hochkonjunktur. Trotzdem war die Innenstadt wie immer sehr belebt. Bisweilen war es fast lebensgefährlich, unachtsam in der Fußgängerzone zu laufen, denn andauernd begegneten uns Radfahrer in flotter Fahrt, eine Hand am Lenker, in der anderen hielten sie den Regenschirm… Aber immer ist das Flanieren durch die engen Gassen der Altstadt ein Genuss und eine Entspannung. Man fühlt sich dabei nie allein, denn oft sieht man die Musiker, hält zuweilen ein Schwätzchen mit ihnen und trifft sie danach gleich 200-300m weiter an der nächsten Querstraße erneut, weil irgendwie alle den ähnlichen Rhythmus haben und sich im selben Geviert bewegen. Und was für eine Freude, dass wir dabei auch mehrfach das jüngste MCO-Mitglied Sophia Marlene mit ihren stolzen Eltern begrüßen durften!! Mit ihren langen und wunderschönen schwarze Wimpern ist sie schon jetzt eine sehr starke Konkurrenz für die holde Weiblichkeit des Orchesters.

Als der Regen wolkenbruchartige Dimensionen annahm, stand als Alternativprogramm nur noch ein Museumsbesuch zur Debatte, und so besuchten wir die sehr sehenswerte Sonderausstellung über den Ferrareser Maler Giovanni Boldini im Palazzo dei Diamanti und auch die ständige Ausstellung im nahegelegenen Palazzo Massari.

Der Abend brachte ein neues Highlight an besonderem Ort: ein Kammerkonzert von MCO-Solisten im Jazzclub Ferrara. Dieser befindet sich in der nordwestlichen Ecke der Altstadt in einem der erhaltenen Stadttürme. Es ist ein sehr ungezwungenes Ambiente. Während man unten zu Abend essen und an der Bar etwas trinken kann, gelangt man über eine enge Wendeltreppe nach oben in den eigentlichen Saal für die Veranstaltungen. Hier fand auf der kleinen Bühne ein sehr schönes Konzert statt, bei dem zunächst Mozarts Oboenquartett mit exzellentem Ausdruck von Emma Schied solistisch geführt wurde, danach blieben die Streicher unter sich und spielten die Serenade op. 8 für Streichtrio von Beethoven. Eoin Andersen, Anna Puig Torné und Raphael Bell begeisterten mit ihrem frischen und animierten Spiel. Die Beengtheit der kleinen Bühne führte sogar dazu, dass Raphael einmal mit dem Ende des Bogens ein zusätzliches „Schlagzeug“-Signal auf dem benachbarten Violakorpus hervorrief. Den Abschluss bildeten zwei elegische Tangostücke von Piazzolla, von den MCO-lern für Sextett bearbeitet. Es war sehr schön, wie von Luzern gewohnt, zwischen den Orchesterkonzerten die Musiker auch noch in einem solchen Soloauftritt zu erleben. Dies soll auch nächstes Jahr fortgesetzt werden.

Am darauffolgenden Tage begannen die Proben zum 2. Tristan-Akt. Wir wohnten zunächst einer reinen Orchesterprobe bei, und es war wieder sehr spannend, die Musik einmal ohne die Singstimmen zu hören und dadurch in dem mir sehr vertrauten Stück noch neue Details der raffinierten Instrumentierung, vor allem bei den Streichern, herauszuhören (was man sonst vor lauter Begeisterung für die Szene und die Singstimmen oft überhört). Es war kein leichtes Brot für das Orchester, das in Luzern gespielte Siegfried-Idyll ist wahrlich nur ein lauer Frühlingswind gegen den Tristan. Für viele der Musiker war es völliges Neuland, mit zum Teil kaum bewältigbaren Fiorituren für die Streicher. Daniel Harding arbeitete intensiv mit ihnen, um einen weichen, großen Bogenstrich und den besonderen Atem des „infinite thread“ zu vermitteln.

Ferrara lieferte in diesen Tagen nicht nur die gewohnten Attraktionen der Konzerte, Proben und Tavernenenbesuche in den einschlägigen Lieblingsecken (Settimo, Brindisi,…), sondern wir hatten auch noch die Möglichkeit, an einem internationalen Workshop zum Thema „Kreativität und Kultur in Zeiten der Krise“ teilzunehmen, der von der Universität Ferrara (Prof. Bianchi) in Zusammenarbeit mit Ferrara Musica und Prof. Andreas Richter vom MCO durchgeführt wurde. Ein prominenter Teilnehmer war dabei Karl Erik Norrman, Senator des European Cultural Parliament (ECP). Es gab einen sehr lebhaften Gedankenaustausch über das spezielle kulturelle Erbe in Europa, die derzeitige Praxis von Kulturmanagement und –planung und Anregungen zu neuen Konzepten für die Zukunft (mit besonderem Blick auf die schwierige Situation in Italien). Prof. Richter unterstrich, wie wichtig Ferrara für das Orchester ist, dass die Stadt gewissermaßen eine Art Heimat ist, die allen Musikern ans Herz gewachsen ist, was zu einer starken gegenseitigen Identifizierung (Bevölkerung vs. Orchester) geführt hat, und dass die Zusammenarbeit langfristig fortgeführt werden soll.

Der Schlusstag brachte den Höhepunkt mit der konzertanten Tristan-Aufführung (Vorspiel 1. Akt sowie kompletter 2. Akt). Das Orchester unter Daniel Harding spielte für ein Wagner-Debut hervorragend. Die Interpretation war objektiviert modern und sachlich ohne die abgrundtiefen Romantizismen eines Furtwängler oder Bernstein und gleichwohl mit zupackender Dramatik. Harding nahm bereits das Vorspiel nicht allzu langsam, konnte daraus aber trotzdem noch eine beeindruckende Steigerung bis zur Klimax entwickeln und dann das ermattete Zurückfallen bis zu den letzten beiden pp-Pizzicati-Tönen der Celli und Kontrabässe. Danach folgte nach kurzer Atempause der Sprung direkt in den Beginn des 2. Aktes mit den Streicher-Tremoli. Waltraud Meier als Isolde im eleganten Abendkleid dominierte mit ihrer Bühnenpräsenz auch ohne szenische Darstellung mühelos und sang wie immer mit strahlender Stimme. John Mac Master, der den Tristan als Ersatz für Lance Ryan sang, hatte dagegen einen etwas schweren Stand. Er kam mit Klavierauszug auf die Bühne und musste das Liebesgeflüster aus den Noten lesen, was bisweilen zu einer gewissen Desillusionierung führte. Insgesamt fehlte seiner Stimme Schmelz und Wärme und der letzte dramatische Ausdruck. Auch Brangäne musste ja leider kurzfristig umbesetzt werden, aber mit Michelle Breedt stand ein sehr guter Ersatz zur Verfügung. - Zuweilen gab es Momente, wo die szenische Darstellung etwas fehlte (besonders im Liebesduett). Da zeigte sich für mich auch akustisch ein gewisses Manko der konzertanten Aufführung. Dadurch dass die Singstimmen vor dem Orchester postiert waren und dieses eben oben auf der Bühne saß, klang alles sehr direkt, ja mitunter zu direkt. Bei „O sink hernieder, Nacht der Liebe“ fehlte mir der allerletzte Zauber, der im Opernhaus dadurch entsteht, dass die Singstimmen aus der Ferne kommen und auch das Orchester durch die versenkte Position im Graben noch abgedämpft wird. Hier und auch später beim „So stürben wir, um ungetrennt…“ war die Akustik etwas flach und es fehlte die akustische Tiefe und Staffelung. Vielleicht ist dies aber auch etwas den Holzpaneelen im Teatro Communale anzulasten, die bei den Konzerten rund ums Orchester aufgebaut werden, sowohl als optische Abgrenzung, aber sicher auch, um den Klang direkt in den Zuschauerraum zu projizieren, damit er sich nicht in der Hinterbühne verliert. Für die starke Wagnerbesetzung ist damit aber der Raum etwas klein. - Sehr eindringlich war dagegen für mich dann der Schluss des Aktes mit Markes Monolog. Franz-Josef Selig sang mit sehr eindringlich strömendem Bass und starker Passion und ließ das fehlende Bühnenbild völlig vergessen.- Mit Tristans Schrei „Wehr’ dich, Melot!“ und einem präzise gesetzten ff-Stakkato-Schlag des vollen Orchesters endete ein insgesamt sehr eindrucksvoller Abend und eine angefüllte und erlebnisreiche Woche in Ferrara. Der Ausklang erfolgte bei einem guten Glas Rotwein im „Al Brindisi“, wo wir auch noch von einigen ersten Geigen Abschied nehmen konnten, die sich dort nach getaner Arbeit stärkten.

Es war eine schöne Zeit und wir sind sicher, dass wir in absehbarer Zeit wieder nach Ferrara reisen werden, hoffentlich schon im kommenden April, sofern wir noch das Glück haben, Karten für das Konzert mit Claudio Abbado zu ergattern…..

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